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Das Muster, das immer wieder kommt

Autorenbild: Corinna Fleiß
Corinna Fleiß
vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

„Kannst du das noch schnell machen?“


Eigentlich hatte Lio keine Zeit. Er wusste das sofort. Trotzdem sagte er Ja. Es war nur eine kleine Sache, nichts, worüber man sich später noch Gedanken machen müsste. Also machte er es. Und während er noch darüber nachdachte, warum er eigentlich zugesagt hatte, war da schon dieses vertraute Gefühl: „Ich kenne das.“


Vielleicht kennen wir solche Momente.


Wir sagen etwas, obwohl wir eigentlich etwas anderes sagen wollten.

Wir bleiben in einem Gespräch, obwohl wir längst merken, dass es uns nicht guttut.

Wir erklären uns, obwohl niemand eine Erklärung verlangt hat.

Wir ziehen uns zurück, obwohl wir uns eigentlich Nähe wünschen.

Wir fühlen uns schuldig, obwohl wir gar nichts falsch gemacht haben.

Oder wir bemitleiden uns selbst, obwohl wir längst merken, dass wir an derselben Stelle immer wieder stehen.


Manchmal geschieht all das so schnell, dass wir erst später verstehen, was da gerade passiert ist.


Illustration einer Frau auf einem Seil mit flatterndem Kleid und Körben vor abstrakter Wasserlandschaft und kleinem Haus.
© LavendelGrün

Wenn etwas immer wieder ähnlich passiert

Ich habe lange gedacht, dass solche Dinge einfach etwas mit Persönlichkeit zu tun haben. Man ist eben hilfsbereit, harmoniebedürftig oder denkt zu viel. Man braucht seine Ruhe, fühlt sich schnell schuldig oder möchte es allen recht machen. Man ist eben so.


Vielleicht stimmt das manchmal. Und vielleicht steckt manchmal noch etwas anderes dahinter.


In der Psychologie spricht man an solchen Stellen von Mustern. Das Wort klingt zunächst ziemlich unspektakulär, und vielleicht wissen wir gar nicht genau, was damit gemeint ist. Ein Muster ist nicht unbedingt eine einzelne Handlung. Es beschreibt eher eine Art, wie wir in bestimmten Situationen immer wieder denken, fühlen und reagieren.


Dabei kann auch eine Prägung eine Rolle spielen. Was wir erleben – besonders wenn bestimmte Erfahrungen früh und wiederholt auftreten – kann beeinflussen, was sich für uns später vertraut oder selbstverständlich anfühlt. Eine solche Prägung kann also dazu beitragen, dass bestimmte Situationen, Gefühle oder Verhaltensweisen für uns vertraut wirken. Ein Muster beschreibt eher, wie sich dieses Vertraute heute in unserem Denken, Fühlen oder Verhalten wiederholen kann.


Wer beispielsweise früh gelernt hat, dass Konflikte unangenehm oder gefährlich sind, entwickelt nicht bewusst den Plan, später jedem Streit aus dem Weg zu gehen. Es passiert einfach. Eine Spannung entsteht, und schon ist der Impuls da: nachgeben, erklären, beschwichtigen, gehen.


Das Schwierige daran ist, dass sich ein Muster nicht wie ein Muster anfühlt. Es fühlt sich im Moment einfach richtig an. Oder vertraut. Oder notwendig. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.


Lio hatte inzwischen öfter darüber nachgedacht. Nicht ständig – es war ja nicht so, dass er morgens aufstand und sich fragte, welches seiner Muster ihn heute wohl erwarten würde. Es waren eher die kleinen Momente, die sich im Nachhinein zu einem Bild zusammenfügten.


Wenn jemand Hilfe brauchte, sagte er zu.

Wenn jemand enttäuscht war, suchte er zuerst den Fehler bei sich.

Wenn es zwischen zwei Menschen schwierig wurde, versuchte er, die Situation wieder in Ordnung zu bringen. Und wenn er selbst etwas brauchte, dauerte es oft erstaunlich lange, bis er es überhaupt bemerkte.


Lange hätte Lio wahrscheinlich gesagt, dass er eben ein hilfsbereiter Mensch sei. Oder jemand, der keinen Streit mag. Erst irgendwann fiel ihm auf, dass er sich nach vielen dieser Situationen erschöpft fühlte und sich erstaunlich oft über etwas ärgerte, dem er selbst zugestimmt hatte.


Das Muster war nicht plötzlich entstanden. Es war nur irgendwann sichtbar geworden.


Der erste Schritt besteht vielleicht genau darin: nicht sofort etwas verändern zu wollen, sondern überhaupt zu bemerken, dass da etwas ist. „Ah“, könnte Lio denken. „Du bist schon wieder da.“ Nicht vorwurfsvoll, eher erstaunt.


Denn zunächst bemerken wir ein Muster oft erst danach. Wir haben wieder Ja gesagt und erkennen auf dem Heimweg, dass wir eigentlich Nein sagen wollten. Beim nächsten Mal merken wir es vielleicht schon während des Gesprächs. Und irgendwann sogar in dem Moment, bevor wir antworten.


Drei farbige Kreise mit den Worten Muster erkennen, Muster verstehen und anders reagieren auf hellem Hintergrund.
© LavendelGrün

Der kleine Raum dazwischen

Der Impuls ist schon da, aber der Impuls ist noch nicht die Handlung. Dazwischen kann ein kleiner Raum entstehen. Am Anfang ist er vielleicht kaum größer als ein Atemzug, aber manchmal reicht genau das. Lio muss sein Muster deshalb nicht bekämpfen. Er kann es erst einmal kennenlernen: beobachten, wann es auftaucht, was ihm vorausgeht, welche Gedanken und Gefühle damit verbunden sind und was er dann normalerweise tut.


Ein Muster kann sich mit der Zeit verändern oder sogar auflösen. Nicht, weil wir es mit aller Kraft loswerden, sondern weil wir ihm immer wieder anders begegnen. Wir bemerken es früher. Wir reagieren nicht mehr automatisch. Aus einer vertrauten Reaktion kann nach und nach eine Entscheidung werden.


Manches bleibt dabei Teil unserer Geschichte. Auch das ist kein Widerspruch. Ein Muster muss nicht verschwinden, damit wir anders mit uns umgehen können. Es kann noch auftauchen, ohne dass es dieselbe Macht über uns hat.


Beim nächsten Mal

Ein paar Wochen später passiert Lio wieder etwas Ähnliches. „Kannst du das noch schnell machen?“ Der Satz ist fast derselbe, und auch der Impuls ist sofort wieder da: Ja sagen, das Problem schnell lösen, niemanden enttäuschen. Nur diesmal bemerkt Lio ihn. Nicht hinterher, sondern jetzt. Er spürt dieses kurze innere Ziehen, das er inzwischen kennt. Früher wäre die Antwort wahrscheinlich schon ausgesprochen gewesen, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte. Diesmal sagt er: „Ich denke kurz darüber nach.“


Es ist kein großer Moment. Niemand applaudiert. Wahrscheinlich bemerkt außer ihm selbst niemand, dass gerade etwas anders war. Aber für Lio ist es ein Unterschied. Das Muster ist noch da, nur hat es diesmal nicht sofort entschieden. Beim nächsten Mal kann es wieder anders laufen. Lio sagt wieder Ja. Vielleicht merkt er erst später, dass er eigentlich Nein sagen wollte. Auch das gehört dazu. Denn Veränderung bedeutet nicht, dass wir irgendwann keine alten Impulse mehr kennen. Sie beginnt damit, dass wir sie erkennen: erst hinterher, dann währenddessen und irgendwann vielleicht kurz davor. Dort entsteht ein kleiner Raum, in dem etwas anderes möglich wird.


Eine kleine Übung: Das Muster kennenlernen

Welches Muster kenne ich von mir?


Wann taucht es auf? Was ist unmittelbar davor passiert?


Was denke ich in diesem Moment?


Was fühle ich?


Was tue ich dann meistens?


Und schließlich: Was würde passieren, wenn ich beim nächsten Mal nur einen kleinen Schritt anders mache?


Nicht alles. Nur einen kleinen Schritt.


Nicht sofort antworten.

Eine Nacht darüber schlafen.

Einmal Nein sagen.

Bleiben, obwohl du sonst gehst.

Gehen, obwohl du sonst bleibst.


Das Muster wird wiederkommen. Wir erkennen es früher. Wir spüren den alten Impuls, bevor wir ihm folgen. Und manchmal entscheiden wir uns anders. Manchmal tun wir es nicht. Auch das gehört dazu. Denn ein Muster muss nicht verschwinden, damit wir ihm nicht mehr jedes Mal folgen.


Es reicht, wenn wir es bemerken und denken:


„Ah. Du bist schon wieder da.“


Und dann lassen wir einen Moment verstreichen, bevor wir antworten.



Übung zum Herunterladen


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