Wenn Worte zu Waffen werden – Welche Gesellschaft wollen wir sein?

Aktualisiert: 23. Sept.

Wo beginnt Ausgrenzung?
Kein Mensch wird als Fremder geboren.
Kein Kind blickt auf einen anderen Menschen und sieht zuerst dessen Herkunft, Religion oder Hautfarbe. Kinder fragen nach Namen, spielen miteinander und entdecken die Welt, bevor sie lernen, Unterschiede zu benennen und zu bewerten.
Und doch leben wir in einer Zeit, in der Menschen immer häufiger auf das reduziert werden, was sie angeblich von anderen trennt.
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Momente, in denen ich bei bestimmten Worten und Aussagen innehielt. Worte und Begriffe, die ich lange vor allem als Mahnung aus der Geschichte wahrgenommen hatte, tauchten plötzlich wieder in Gesprächen, Kommentaren und Diskussionen auf.
Manche wurden aus Überzeugung ausgesprochen, andere beiläufig oder als Provokation.
Oft wird darüber diskutiert, wo die Grenze zwischen Meinung, Witz und Beleidigung verläuft. Ich habe mich dabei irgendwann gefragt, ob es nicht auch darauf ankommt, was passiert, bevor diese Grenze überhaupt überschritten wird.
Vielleicht beginnt Ausgrenzung nicht erst mit einer Tat. Vielleicht beginnt sie früher – mit einer Haltung, mit einem Vorurteil oder mit einem Bild, das wir von einem Menschen haben, bevor wir ihm überhaupt begegnet sind. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem das, was einen Menschen von anderen unterscheidet, plötzlich wichtiger wird als der Mensch selbst.
Worte allein verändern die Welt nicht. Aber sie verändern, wie wir auf andere Menschen blicken. Und manchmal beginnt genau dort etwas, dessen Folgen wir erst viel später erkennen.
Was lernen wir durch Begegnungen?
Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich Menschen gerne begegne. Auf Reisen, im Alltag und durch Freundschaften habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern kennengelernt – aus Syrien, Bosnien, Israel, dem Iran und vielen anderen Teilen der Welt.
Diese Begegnungen haben meinen Blick auf die Welt verändert. Nicht, weil sie mir einfache Antworten gegeben hätten, sondern weil sie mir gezeigt haben, wie komplex menschliche Geschichten sein können.
Je mehr Menschen ich kennenlernte, desto schwerer fiel es mir, ganze Gruppen zu beurteilen. Hinter einer Herkunft steht ein Mensch, hinter einem Akzent eine Geschichte und hinter einer Flucht ein Leben, das oft ganz anders verlaufen ist, als die betroffene Person es sich jemals gewünscht hätte. Vielleicht entstehen viele Vorurteile auch dort, wo eine Begegnung nie stattgefunden hat.
Auf meinen Reisen sind mir selten Sehenswürdigkeiten besonders lange in Erinnerung geblieben. Es waren vielmehr die Gespräche – über Hoffnungen, Sorgen, Familien, Verluste und Zukunftspläne. Gerade in diesen Momenten wurde mir immer wieder bewusst, wie ähnlich sich Menschen sein können, obwohl sie in völlig unterschiedlichen Teilen der Welt aufgewachsen sind.
Die meisten Menschen wünschen sich Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie wünschen sich Menschen, denen sie vertrauen können, und die Hoffnung auf eine Zukunft, in der sie in Frieden leben können.
Was macht Flucht mit einem Menschen?
Einer meiner Freunde musste seine Heimat verlassen und in einem fremden Land neu beginnen. Was mich an seiner Geschichte bis heute beeindruckt, ist nicht die Flucht selbst, sondern die Kraft, mit der er sich danach ein neues Leben aufgebaut hat.
Eine neue Sprache lernen, sich in einer unbekannten Kultur zurechtfinden, neue Kontakte knüpfen, arbeiten, weitermachen und nicht aufgeben.
Durch unsere Gespräche habe ich verstanden, wie wenig Begriffe wie „Geflüchtete“ oder „Flüchtlinge“ über einen Menschen erzählen können. Hinter ihnen stehen Menschen mit Fähigkeiten, Hoffnungen, Ängsten und Geschichten, die sich nicht auf ein einziges Wort reduzieren lassen.
Vielleicht hat mich gerade das an unseren Gesprächen besonders beschäftigt: Wie schnell ein Begriff zu einer Kategorie werden kann und wie viel von einem Menschen darin verschwindet. Seine Geschichte war nicht nur eine Geschichte über Flucht. Sie war auch eine Geschichte über einen Neuanfang, über Menschen, die geholfen haben, und über die vielen kleinen Schritte, die notwendig sind, um irgendwo wieder anzukommen.
Dabei habe ich verstanden, wie wichtig Zusammenhalt sein kann. Nicht als politisches Schlagwort, sondern als menschliche Erfahrung. Niemand schafft alles allein. Manchmal sind es kleine Gesten, die einen Unterschied machen: ein offenes Ohr, eine helfende Hand oder das Gefühl, willkommen zu sein.
Diese Erfahrung hat auch meinen Blick auf gesellschaftliche Debatten verändert. Wenn wir Menschen persönlich kennenlernen, wird es schwerer, sie auf das zu reduzieren, was wir über sie gelesen oder gehört haben. Aus Schlagzeilen werden Menschen mit Geschichten, Hoffnungen und Sorgen, die den eigenen manchmal näher sind, als wir zunächst vermuten.
Warum ist Erinnerung wichtig?
Wenn wir über Ausgrenzung sprechen, führt irgendwann kein Weg an der Geschichte vorbei. Besonders in Deutschland und Österreich erinnert uns die Zeit des Nationalsozialismus daran, welche Folgen Menschenfeindlichkeit haben kann und wie gesellschaftliche Ausgrenzung Schritt für Schritt zur Normalität werden konnte.
Am Anfang standen nicht Konzentrationslager, Deportationen und Millionen Tote. Ihnen gingen Jahre voraus, in denen Menschen ausgegrenzt, abgewertet und zu Feindbildern gemacht wurden. Vorurteile wurden verbreitet und verstärkt, Unterschiede betont und Menschen nach ihrer Herkunft, Religion oder Zugehörigkeit beurteilt. Die Vorstellung, manche Menschen seien weniger wert als andere, war nicht plötzlich da. Sie konnte sich über Jahre hinweg in einer Gesellschaft festsetzen.
Deshalb bedeutet Erinnerungskultur für mich weit mehr, als Daten und Ereignisse auswendig zu lernen. Sie fordert dazu auf, aufmerksam zu bleiben und sich zu fragen, wie wir heute über andere Menschen sprechen. Denn Ausgrenzung entsteht nicht immer plötzlich. Sie kann sich langsam entwickeln, wenn Vorurteile unwidersprochen bleiben und Menschen irgendwann nur noch als Teil einer Gruppe wahrgenommen werden.
Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Aber sie zeigt, wie wichtig es ist, Entwicklungen nicht erst dann wahrzunehmen, wenn ihre Folgen bereits sichtbar sind. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, hinzusehen, zuzuhören und Fragen zu stellen – nicht, um Menschen vorschnell zu verurteilen, sondern um besser zu verstehen, wohin Ausgrenzung führen kann.
Warum suchen Menschen nach Feindbildern?
Vielleicht gehört es zu den schwierigsten Fragen überhaupt: Warum teilen Menschen die Welt so oft in „wir“ und „die anderen“ ein?
Geht es um Angst, Unsicherheit oder Macht? Um das Bedürfnis, dazuzugehören und sich selbst einer Gruppe zugehörig zu fühlen? Wahrscheinlich gibt es darauf keine einfache Antwort.
Vielleicht entstehen Feindbilder aber besonders leicht dort, wo Menschen einander nicht mehr begegnen.
Wo Vorurteile an die Stelle persönlicher Erfahrungen treten und Schlagzeilen wichtiger werden als Gespräche.
Wer einem Menschen wirklich zuhört, entdeckt oft mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Das bedeutet nicht, dass alle dieselben Ansichten haben müssen oder dass Unterschiede verschwinden. Aber vielleicht geht es darum, den Menschen hinter einer Herkunft, Religion oder politischen Haltung nicht aus dem Blick zu verlieren.
Vielleicht ist genau das eine der größeren Herausforderungen unserer Zeit: Unterschiede auszuhalten, ohne aus ihnen Grenzen zwischen Menschen zu machen.
Welche Gesellschaft wollen wir sein?
Vielleicht ist das die wichtigste Frage. Nicht nur für die Politik, für Institutionen oder Bildungseinrichtungen, sondern für jeden einzelnen Menschen.
Die Begegnungen in meinem Leben haben mir gezeigt, dass Menschlichkeit selten in großen Reden entsteht. Sie zeigt sich im Alltag, in Gesprächen und Freundschaften, vielleicht auch in der Bereitschaft, zuzuhören, bevor wir über jemanden urteilen.
Wenn Worte Menschen gegeneinander aufbringen können, können sie vielleicht auch etwas anderes bewirken. Sie können eine Begegnung ermöglichen, einen Gedanken verändern oder einen Menschen dazu bringen, genauer hinzusehen.
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort. Nicht erst dann, wenn Grenzen bereits gezogen sind, sondern viel früher – in den kleinen Momenten, in denen wir einem anderen Menschen begegnen und entscheiden, wie wir auf ihn blicken.
Am Ende bleiben mir jedenfalls weniger Parolen in Erinnerung als Begegnungen. Menschen, die mir geholfen haben. Menschen, die geblieben sind. Und Menschen, die mir gezeigt haben, dass sich hinter einer Herkunft, einer Meinung oder einer Geschichte immer jemand verbirgt, den ich vielleicht noch nicht wirklich kenne.
Vielleicht ist das keine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit.
Aber vielleicht ist es eine Frage, die offen bleiben sollte.
