Jede Maus ist anders, jede Maus ist wunderbar

Aktualisiert: vor 2 Stunden
Luis steht auf einem kleinen Haus, das auf einer großen, durchsichtigen Kugel im Wasser ruht. Über ihm erstreckt sich der Himmel, übersät mit Sternen.
Ich frage mich, wie es wohl wäre, dort oben zu stehen. Umgeben von Wasser, unter diesem weiten Himmel. Vielleicht schaut Luis nach etwas, das er noch gar nicht kennt.
Juli tanzt im Regen. Sie scheint sich nicht darum zu kümmern, dass sie nass wird. Mika lässt sich von einem großen Ballon davontragen. Und Sam probiert sich auf dem Skateboard aus, auf einer Rampe, die vielleicht ein bisschen höher ist, als sie zunächst aussieht.
Vier Mäuse. Vier Bilder, die ganz unterschiedliche Fragen aufwerfen.
Wohin schaut Luis? Was bringt Juli zum Tanzen? Weiß Mika, wohin der Ballon sie trägt? Und wie oft muss Sam es versuchen, bis die Bewegung gelingt?
Vielleicht wissen die vier es selbst nicht genau.

Was alles möglich wäre
Vielleicht ist es die Ferne, die Luis beschäftigt. Der Himmel ist voller Sterne. So viele, dass man gar nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Wir sprechen davon, nach den Sternen zu greifen, als lägen sie nur ein kleines Stück außerhalb unserer Reichweite. Aber was, wenn es gar nicht darum geht, sie zu erreichen? Was, wenn es fürs Erste genügt, hinaufzuschauen und sich vorzustellen, was alles möglich wäre?
Manche Wünsche haben noch keine klare Form. Wir wissen nicht genau, wonach wir suchen, und können uns trotzdem vorstellen, dass da draußen etwas auf uns wartet. Etwas, das wir noch nicht kennen. Eine Begegnung, eine Entdeckung, eine Möglichkeit, an die wir heute noch gar nicht denken. Wir müssen nicht wissen, ob daraus jemals etwas wird. Vielleicht reicht es, dass wir uns diese Möglichkeit offenhalten.
Und dann ist da Juli, die im Regen tanzt.
Vielleicht hat sie gar keinen Grund dazu. Vielleicht ist die Musik nur in ihrem Kopf. Der Regen fällt, die Kleidung wird nass, und trotzdem dreht sie sich weiter. Für einen Moment muss nichts daraus werden. Es gibt kein Ziel, das sie erreichen, und nichts, das sie vorzeigen müsste. Sie tanzt einfach.
Wie oft warten wir darauf, dass etwas einen bestimmten Zweck erfüllt, bevor wir es uns erlauben? Dass sich eine Entscheidung lohnt, dass ein Wunsch vernünftig ist, dass etwas uns weiterbringt. Als müsste selbst das Schöne noch einen Nutzen haben. Als dürften wir uns erst dann darauf einlassen, wenn wir wissen, was es uns bringt.
Dabei gibt es Dinge, die nicht mehr brauchen als den Augenblick, in dem sie geschehen.
Mika dagegen lässt sich davontragen. Der Ballon hebt sie vom Boden, und irgendwann liegt das Vertraute unter ihr. Vielleicht hat sie einen Ort im Kopf, an dem sie ankommen möchte. Vielleicht auch nicht. Sie lässt sich tragen, ohne schon jeden Schritt zu kennen.
Das ist nicht immer leicht. Wir möchten wissen, wohin etwas führt, ob es sich lohnt und ob wir am Ende dort ankommen, wo wir hinwollten. Am liebsten hätten wir den Weg schon vor Augen, bevor wir uns überhaupt bewegen. Wir planen, wägen ab und versuchen, möglichst viele Ungewissheiten auszuschließen. Doch manches zeigt sich erst unterwegs. Manchmal verändert sich das Ziel. Manchmal entdecken wir etwas, nach dem wir gar nicht gesucht hatten. Und manchmal kommt es anders, als wir gedacht haben – ohne dass es deshalb falsch sein muss.
Und dann Sam.
Sam steht auf dem Skateboard und probiert aus, was geht. Ein bisschen mehr Schwung vielleicht. Eine höhere Rampe. Eine Bewegung, die beim ersten Mal noch nicht gelingt. Hier reicht es nicht, sich etwas vorzustellen oder sich tragen zu lassen. Sam muss selbst in Bewegung kommen. Das Gleichgewicht halten, neu ansetzen, wieder versuchen.
Vielleicht gehört auch das dazu: nicht nur zu träumen, sondern auszuprobieren, was aus einem Traum werden kann. Sich zu trauen, ohne vorher zu wissen, wie weit man kommt. Und damit zu leben, dass nicht jeder Versuch gelingt. Manchmal fällt man hin. Manchmal braucht es mehrere Anläufe. Und manchmal merkt man erst beim Ausprobieren, dass man etwas ganz anderes möchte.
Eigene Wege finden
Wenn ich die vier Bilder so betrachte, frage ich mich, ob wir im Leben nicht manchmal zwischen diesen Möglichkeiten wechseln. Wir schauen in die Ferne und stellen uns etwas vor. Wir verlieren uns in einem Augenblick, der nichts von uns verlangt. Wir lassen uns auf etwas ein, dessen Ausgang wir nicht kennen. Und manchmal nehmen wir selbst Anlauf und versuchen, ein Stück weiterzukommen.
Nicht immer zur selben Zeit. Nicht immer in derselben Reihenfolge.
Vielleicht müssen wir auch gar nicht wissen, welche dieser Möglichkeiten die richtige ist. Vielleicht dürfen wir einmal träumen, ein anderes Mal einfach mittendrin sein. Vielleicht dürfen wir uns tragen lassen und an einem anderen Tag selbst etwas wagen.
Wir müssen nicht alle dasselbe wollen. Nicht dieselben Dinge versuchen, nicht dieselben Ziele verfolgen. Und nicht jeder Wunsch muss irgendwann Wirklichkeit werden, um seinen Platz in unserem Leben zu haben.
Manchmal genügt es, dass wir uns vorstellen können, was alles möglich wäre.
Zum Hintergrund
Die Bilder in diesem Beitrag stammen aus meinem Kinderbuch Jede Maus ist anders, jede Maus ist wunderbar, das ich für meine Neffen gestaltet habe. Auch die Gedanken zu diesem Text haben ihren Ausgangspunkt in den Bildern und den Ideen des Buches. Ich habe sie aufgegriffen und auf meine eigene Weise weitergedacht.
Bilder und Buchidee: Corinna Fleiß
