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In der Welt von Elara | Zwischen Nähe, Stille und den Dingen, die oft verborgen bleiben

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Eine Frau in beigem Pullover und grünem Rock spaziert über eine Brücke. Nebeliger Hintergrund mit floralen Mustern. Ruhtanmutige Stimmung.


Kapitel Zwei

Die Dinge, die bleiben

Als Elara das Seniorenheim verlässt, ist es bereits dunkel draußen.


Die Luft fühlt sich kälter an als noch am Morgen und für einen Moment bleibt sie vor dem Eingang stehen, als wäre ein Teil ihrer Gedanken noch immer dort oben in diesem stillen Zimmer geblieben.


Hinter den Fenstern im Erdgeschoss brennt noch Licht. Einige Bewohner sitzen wie jeden Abend vor dem Fernseher, irgendwo klappert Geschirr aus der kleinen Küche und am Empfang spricht jemand leise mit der Nachtschicht.


Alles wirkt wie immer. Und trotzdem liegt über allem etwas Fremdes.


Elara beginnt langsam den Weg nach Hause. An diesem Abend ist sie länger geblieben als sonst. Nicht, weil jemand sie darum gebeten hätte. Sondern weil sie das Gefühl nicht ertragen konnte, einfach zu gehen.


Der Tag war still zu Ende gegangen.


Irgendwann hatte Luise aufgehört zu atmen. Ohne Unruhe. Ohne Angst. Fast so, als wäre sie einfach langsam müde geworden.


Elara hatte noch lange neben ihr gesessen. Das Fenster stand leicht offen und kalte Abendluft bewegte vorsichtig die hellen Vorhänge. Im Zimmer roch es nach Handcreme, Tee und diesem schwer beschreibbaren Duft, den alte Bücher manchmal haben.


Früher war Luise oft mit ihr durch den kleinen Garten des Seniorenheims gegangen. Langsame Spaziergänge zwischen Lavendelsträuchern und alten Holzbänken hinter dem Haus. In den letzten Monaten war selbst das irgendwann nicht mehr möglich gewesen. Stattdessen hatte Elara meist neben ihrem Bett gesessen, ihre Hände eingecremt oder ihr leise vorgelesen, während draußen das Leben weiterlief.


An diesem Nachmittag hatte sie einfach angefangen zu sprechen. Nicht geplant. Nicht bewusst. Die Worte waren einfach da gewesen. Erst leise. Fast vorsichtig. Als würden sie selbst sie erschrecken.


Elara hatte Luise erzählt, wie sich diese innere Leere inzwischen anfühlte. Dieses ständige Gefühl, überall gleichzeitig anwesend zu sein und sich trotzdem nirgends wirklich da zu fühlen. Wie schwer Nähe manchmal geworden war. Nicht alle Menschen. Aber viele. Und wie sehr sie sich gleichzeitig vor der eigenen Stille fürchtete, weil ihre Gedanken dort lauter wurden als überall sonst.


Elara wusste nicht, wann sie begonnen hatte, all diese Gedanken so still in sich zu tragen.


Vielleicht geschah so etwas nicht an einem einzigen Tag. Vielleicht entfernte man sich langsam von sich selbst, während man weiter funktionierte.


Luise hatte die Augen dabei kaum geöffnet. Ihr Atem war ruhig geblieben. Langsam und weit entfernt. Und trotzdem hatte Elara zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl gehabt, dass ihre Worte irgendwo ankamen.


Mitten auf der schmalen Brücke bleibt Elara plötzlich stehen und bemerkt, dass ihre Hände leicht zittern. Die kalte Abendluft legt sich unangenehm auf ihre Haut und erst jetzt wird ihr bewusst, wie viel Raum Luise in ihrem Leben eingenommen hat.


Nicht laut. Nicht offensichtlich.


Aber irgendwo zwischen Gesprächen über Einsamkeit, Menschen und die leisen Arten, sich selbst zu verlieren, hatte diese Frau etwas in ihr berührt, das Elara selbst lange nicht mehr angesehen hatte.


Kurz bevor sie gegangen war, hatte eine Pflegerin Elara einen kleinen Umschlag gegeben. Darauf stand nur ihr Name. Noch immer hält sie den Umschlag in der Hand.


Als sie wenig später ihre Wohnungstür öffnet, kommt Lumi ihr sofort entgegen. Seine viel zu großen Pfoten rutschen über den Boden, während er aufgeregt um sie herumläuft, als hätte er sie tagelang nicht gesehen.


Elara kniet sich erschöpft zu ihm hin und vergräbt für einen Moment ihr Gesicht in seinem warmen Fell.


Er riecht nach Zuhause. Nach dieser einfachen, stillen Geborgenheit, die keine Fragen stellt. Später sitzt sie mit einer Tasse Tee auf dem Sofa. Eine kleine Kerze flackert auf dem Wohnzimmertisch und Lumi liegt dicht neben ihr, den Kopf schwer auf ihren Beinen.


Die Wohnung ist still. Doch heute fühlt sich die Stille anders an. Nicht ganz so leer. Lange betrachtet Elara nur den Umschlag in ihren Händen, bevor sie ihn langsam öffnet. Darin liegt eine feine silberne Kette mit einem kleinen olivgrünen Stein.


Für einen Moment stockt ihr der Atem. Und plötzlich erinnert sie sich an ein Gespräch vor einigen Wochen.


Luise hatte damals lange den kleinen grünen Stein an ihrer Kette betrachtet, bevor sie leise gesagt hatte: „Ich glaube, Menschen verlieren sich nicht plötzlich. Sie werden nur irgendwann still an den falschen Orten.“


Elara weiß nicht, warum gerade dieser Satz ihr jetzt wieder einfällt. Vielleicht, weil sie zum ersten Mal spürt, dass Luise in all diesen Gesprächen nie nur von anderen Menschen gesprochen hatte.


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