top of page

Ambivalenz: Zwischen leben wollen und nicht mehr aushalten können

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Aufgerichteter Körper im Licht, zwischen Dunkelheit und Helligkeit.


Der Raum dazwischen

Es gibt einen Satz, der selten laut gesagt wird, aber in vielen leidenden Körpern lebt:


Ich will leben, aber nicht so.


Er passt in keine klare Kategorie. Er ist weder Lebensbejahung noch Todeswunsch. Er gehört zu einem Zwischenraum, der gesellschaftlich kaum Sprache hat. Wer ihn ausspricht, riskiert Missverständnis. Wer ihn verschweigt, bleibt allein.


Chronisches Leiden verschiebt die Grundlage der Identität.

Nicht mehr: Wer möchte ich sein?

Sondern: Wer bin ich noch, wenn mein Körper nicht mehr verlässlich ist?


Leiden greift nicht nur Funktion an. Es greift Zugehörigkeit, Wert, Zukunft und Planbarkeit an. In einer Welt, die Leistungsfähigkeit still als Maß von Daseinsberechtigung führt, entsteht neben der körperlichen oft eine zweite Wunde: die des Selbstbilds.


Wer bin ich noch wert?

Wer bin ich noch wert, wenn mein Leben langsamer geworden ist als das der anderen?

Wenn Tage von Symptomen strukturiert werden statt von Möglichkeiten?

Wenn Bewerbungen unbeantwortet bleiben – nicht trotz, sondern wegen der eigenen Geschichte?


Solche Fragen sind keine Gedankenfehler.

Sie entstehen in Beziehung.


In Blicken.

In Formularen.

In Begutachtungen.

In impliziten Zweifeln.


In Systemen, die Funktionsfähigkeit prüfen müssen – und dabei unweigerlich die Erfahrung erzeugen, sich rechtfertigen zu müssen für etwas, was man selbst nicht gewählt hat.


Unsichtbares Leiden steht unter Verdacht. Nicht weil Einzelne hart sind, sondern weil das, was nicht messbar ist, kulturell schwer glaubwürdig bleibt.


So entsteht eine soziale Einsamkeit, die tiefer reicht als Schmerz: die Erfahrung, mit dem eigenen Zustand nicht wirklich vorkommen zu dürfen.


Leben wollen – aber so nicht

Im Inneren wächst parallel eine Ambivalenz. Der Wunsch zu leben bleibt – oft stark. Aber er verliert seinen selbstverständlichen Boden: den Körper, der trägt.


Was bedeutet Zukunft, wenn jeder Tag unsicher ist?

Was bedeutet Hoffnung, wenn Besserung nicht planbar wird?

Wie viel Geduld verlangt ein Zustand, der sich nicht wie Übergang anfühlt, sondern wie Möglichkeit des Bleibens?


Viele chronisch leidende Menschen kennen deshalb einen Gedanken, der erschreckt und gleichzeitig logisch wirkt: nicht sterben wollen – aber nicht endlos so weiterleben wollen.


Dieser Gedanke entsteht nicht aus Lebensablehnung. Er entsteht aus Überforderung durch Dauer.


Schmerz.

Erschöpfung.

Angst vor Verschlechterung.

Verlorene Selbstverständlichkeit.


Diese Erfahrung verändert die Beziehung zum eigenen Körper.

Aus Vertrauen wird Vorsicht.

Aus Selbstverständlichkeit wird Aufmerksamkeit.

Aus Bewegung wird Abwägen.


Wenn Erfahrung im Körper bleibt

Wer Phasen erlebt hat, in denen Aufstehen bereits Kraftakt war, trägt oft lange danach eine leise Furcht im Körpergedächtnis: Was wenn es wieder so wird? Diese Angst ist keine Schwäche, sie ist Erinnerung.


Stabilisierung oder Besserung bedeutet deshalb nicht nur Funktionsgewinn. Sie verlangt eine zweite Bewegung: wieder in ein Leben, das zwischenzeitlich verloren schien.


Die Schwelle ist hart.

Nicht weil Wille fehlt.

Sondern weil Vertrauen Zeit braucht.


Außen wirkt es oft wie: jetzt wieder möglich. Innen fühlt es sich eher an wie: vielleicht möglich, vielleicht auch nicht. Zwischen diesen Wahrnehmungen entstehen Missverständnisse und erneut die Frage nach Wert.


Die unsichtbare Arbeit des Weiterlebens

Dabei bleibt oft etwas unsichtbar: die enorme Arbeit, die chronisch leidende Menschen täglich leisten, um überhaupt teilzunehmen.


Schmerz aushalten.

Angst regulieren.

Energie einteilen.

Rückfälle integrieren.

Hoffnung dosieren, damit sie nicht erneut enttäuscht.


Diese Arbeit hat keinen Status.

Aber sie ist real.


Sie verbraucht Kraft – oft mehr als sichtbar wird. Und manchmal mehr als ein Mensch langfristig tragen kann, ohne an Grenzen zu geraten.


Der Zwischenraum zwischen leben wollen und nicht mehr aushalten können ist daher kein Randphänomen. Er gehört zur existenziellen Erfahrung vieler schwer oder chronisch leidender Menschen.


Er verlangt keine moralische Bewertung, sondern Verstehbarkeit.


Angehörige im selben Zwischenraum

Dieser Raum betrifft nicht nur Betroffene. Auch Angehörige stehen darin. Der Wunsch, dass der geliebte Mensch bleibt. Und das Unvermögen, sein inneres Maß von Leid wirklich zu kennen.


Liebe sieht Leben.

Leiden spürt Grenzen.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Manchmal braucht es keine Worte.

Kein Erklären.

Kein Raten.


Nur Anwesenheit.

Nähe.

Mitgehen ohne lösen zu müssen.


Ein Satz ohne Widerspruch

Vielleicht braucht dieser Zwischenraum keine Lösungsansätze, sondern Anerkennung seiner Realität:


Dass ein Mensch leben wollen kann und dennoch an seinem Zustand zerbricht.

Dass Hoffnung schwanken darf, ohne falsch zu sein.

Dass Wert nicht an Funktionsfähigkeit gebunden ist, auch wenn Strukturen oft so wirken.


Und dass der Satz „Ich will leben, aber nicht so“ kein Widerspruch ist, sondern Ausdruck von Bindung an das Leben – trotz unerträglicher Bedingungen.



Vielleicht beginnt Würde manchmal genau dort, wo ein Mensch sagen darf: Ich will leben – und gleichzeitig zeigen darf, wie schwer es geworden ist.


bottom of page