Mut und Willenskraft: Was über Generationen hält
- Corinna Fleiß

- 29. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Wie das Leben plötzlich anders wird
Im Leben gibt es Momente, die man nicht plant und nicht kommen sieht. Brüche, Verluste, Zeiten, in denen plötzlich vieles anders ist und man nicht klar weiß, wie es weitergehen soll. Man merkt, dass das, was bisher getragen hat, nicht mehr selbstverständlich ist.
In dieser Lebensgeschichte geht es um dieses Weitergehen. Um Menschen, die geblieben sind, auch dann, wann das Leben schwer wurde. Um einen Ort, an dem über viele Generationen hinweg gearbeitet, gelebt, verloren und weitergetragen wurde.
Dieser Ort ist ein Hof in Kärnten. Er steht seit über hundert Jahren an diesem Platz. Er wurde einst als Neuanfang gewählt, als Möglichkeit, etwas aufzubauen, nicht schnell und nicht leicht, sondern Schritt für Schritt.
Was hier geblieben ist, sind Spuren von Arbeit, von Alltag und von Leid. Nicht alles davon ist sichtbar, vieles war selbstverständlich und musste nie benannt werden.
Der Anfang – Die Frau, die blieb
Anfang der 1920er-Jahre kam eine Familie an diesen Ort. Sie hatten zuvor an anderen Plätzen gelebt. Vieles darüber ist nicht mehr bekannt. Irgendwann wurde dieser Hof gekauft. In einer Urkunde ist das festgehalten. Für meine Urgroßeltern begann hier etwas Neues.
Zur Familie gehörten acht Kinder. Was davor war, bleibt im Hintergrund. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es nicht mehr erzählt werden kann. Diese Geschichte beginnt hier.
Der Anfang war nicht leicht. Der Hof verlangte tägliche Arbeit, Ausdauer und Dranbleiben. Fast alles wurde von Hand gemacht. Wäsche, Haushalt, Versorgung, Feldarbeit. Vieles ging über den eigenen Körper.
Mein Urgroßvater ging damals weg. Er hatte eine andere Frau kennengelernt. Wie lange er geblieben war, was genau passiert ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist: Meine Urgroßmutter blieb.
Sie blieb mit den Kindern. Mit dem Hof. Mit der Verantwortung. Es war keine große Entscheidung. Es war das, was übrig blieb. Der Hof wuchs langsam. Mit dem, was da war: Boden, Arbeit, Hände. Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Vielleicht ist Mut manchmal nichts anderes als das Aushalten des Alltags.
Als der Alltag getragen werden musste
Der Krieg unterbrach das Leben. Mehrere Männer aus der Familie gingen fort. Sie wurden eingezogen, verließen den Hof, ließen Arbeit und Verantwortung zurück. Alle kamen zurück. Nicht unverändert, aber lebend.
Während dieser Zeit wurde der Alltag von den Frauen getragen. Die Arbeit verschwand nicht. Sie verlagerte sich und wurde mehr. Tiere mussten versorgt, Felder bearbeitet, der Hof gehalten werden. Abwesenheit wurde Teil des Lebens. Niemand wusste, wie man mit so etwas lebt. Man machte einfach weiter.
Rückkehr und Aufbau
Nach dem Krieg übernahm einer der Söhne den Hof. Mein Großvater. Er kehrte verändert zurück. Vieles wurde nicht besprochen. Er blieb. Er pflegte seine Mutter. Er führte den Hof weiter.
Die anderen Geschwister gingen eigene Wege. Ausbildung, Arbeit, eigenes Leben. Der Hof blieb bei ihm.
In dieser Zeit lernte er meine Großmutter kennen. Sie lebte mit ihrer Familie in der Nähe. Sie heirateten, bekamen mehrere Kinder. Arbeit und Familie waren eng miteinander verbunden. Man lebte zusammen, arbeitete zusammen, trug gemeinsam. Es war keine leichte Zeit. Aber eine geteilte.
Nach dem Verlust
Dann kam der Verlust. An einem frühen Morgen, vor der eigenen Haustür. Mein Großvater war im Stall. Wie an so vielen Tagen. Er hörte etwas. Es ging alles so schnell. Sie war tot. Ohne Vorbereitung.
Der Bruch war da.
Für ihn.
Für die Kinder.
Für den Alltag.
Niemand wusste, wie man mit dieser Leere umgeht. Es gab keine Gespräche, keine Begleitung, keine Erklärungen. Man tat, was zu tun war.
Vieles blieb im Körper. Im Tun. In der Stille.
Weitergehen ohne Anleitung
Zurück blieb Verantwortung. Für die Familie. Für den Hof. Für das Weitergehen.
Unterstützung gab es wenig. Aber es gab einzelne Menschen, die blieben. Eine Tante half viel. Sie kam, übernahm, hielt mit. Es waren wenige, aber sie machten einen Unterschied.
Die jüngste Tochter war erst neun Jahre alt. Sie wurde früh erwachsen. Verantwortung kam früh. Wie bei so vielen in dieser Familie. Der Alltag ging weiter. Nicht, weil es leicht war, sondern weil er getragen werden musste.
Weitertragen
Mit den Jahren wurde der Hof weitergegeben. Mein Großvater übergab ihn an meinen Vater. Arbeit blieb Teil des Lebens. Mein Vater arbeitete lange im Ausland. Schwere Arbeit. Lange Abwesenheiten. Und trotzdem blieb der Hof Mittelpunkt.
Er wurde renoviert, erhalten, erneuert. Mit viel Einsatz. Mit Geduld. Mit dem Wunsch, diesen Ort gut weiterzuführen.
Gemeinsam mit meiner Mutter entstand die Buschenschenke. Gäste kamen von weit her. Man aß, trank, feierte. Der Hof wurde zum Treffpunkt. Zum Ort der Begegnung. Er bekam den Namen „Paradies“. Bis heute wird er so genannt. Viele Menschen verbinden mit diesen Ort Erinnerungen, Gespräche, Abende, Lachen.
Mein Großvater lebte bis zu seinem Tod bei uns im Haus. Er war ein ruhiger, liebevoller, besonderer Teil des Alltags.
Heute – Nähe und Abstand
Heute ist es ruhiger. Nicht leer. Aber anders.
Die Buschenschenke ist geschlossen. Nicht aus Scheitern, sondern aus einer bewussten Entscheidung. Meine Eltern sind in den Ruhestand gegangen.
Es gibt weiterhin Tiere. Es gibt Miteinander. Mehrere Generationen sind verbunden. Man sitzt zusammen, man lacht, man trinkt ein Glas. Aber es ist leiser als früher.
Die Nähe ist anders geworden. Es gibt mehr Distanz. Mehr eigene Räume. Und zugleich intensivere Gespräche, andere Worte und mehr Bewusstsein.
Es ist die Zeit, in der wir leben. Heute werden Dinge anders besprochen. Früher fand man für vieles keine Worte.
Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn mein Vater von seiner Mutter spricht, kommen Tränen. Und ab und an die Frage: Warum?
Diese Frage darf gestellt werden. Sie entsteht aus Schmerz und aus Liebe. Und sie darf da sein, solange sie nicht das eigene Leben verschließt.
Dann wird spürbar: Manche Dinge gehen weiter, auch wenn sie nicht verschwinden.
Vielleicht ist das, was hier über Generationen getragen wurde, keine besondere Stärke. Vielleicht ist es einfach das stille Bleiben im eigenen Leben.
