Scham: Warum wir oft glauben, nicht genug zu sein
- Corinna Fleiß

- 1. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Die stille Sprache der Scham
Ich erinnere mich an einen Nachmittag.
Es war still, der Wind zerrte an den kahlen Zweigen vor dem Fenster.
Ich saß mit einer warmen Tasse Tee in der Hand und spürte doch eine andere Kälte. Nicht draußen. In mir.
Ein Gefühl ohne klare Stimme, ohne Gesicht, das sich dennoch bemerkbar machte.
Scham.
In Anlehnung an Brené Brown lässt sich Scham als eines der schmerzhaftesten Gefühle beschreiben – eines, das vom Schweigen lebt und sich im Verborgenen ausbreitet.
Wie Scham sich einnistet
Scham schleicht sich oft dann ein, wenn die Welt um uns herum sehr laut wird: voller Erwartungen, Vergleiche und Bilder, die nicht aus unserem eigenen Leben stammen.
Sie taucht auf, wenn wir uns selbst betrachten – und die Frage entsteht:
„Bin ich genug?“
Die Frage ist selten neutral. Sie trägt oft eine leise Spannung, ein Ziehen im Körper, ein Zurückhalten im Atem.
Scham ist kein einzelner Moment, sondern eher ein Zustand, der sich ausbreiten kann, wenn wir uns immer wieder an Maßstäben messen, die nicht zu uns gehören.
Ein Kreislauf aus Druck, Angst und Vergleichen
Ich erinnere mich an Augenblicke, in denen ich am liebsten unsichtbar geworden wäre.
Die Enge in der Brust.
Das Kloßgefühl im Hals.
Dieses schwer greifbare Empfinden, nicht richtig zu sein – zu viel vielleicht oder zu wenig.
Von außen passiert wenig. Innen jedoch sehr viel.
Scham wirkt nicht spektakulär. Sie zieht sich wie ein Schleier über Wahrnehmung und Selbstbild und macht es schwer, sich selbst wohlwollend zu begegnen.
Gleichzeitig entsteht in dieser Enge manchmal eine leise Bewegung: ein erstes Spüren, dass auch dieses Gefühl Raum haben darf.
Scham in der digitalen Welt
Heute zeigt sich Scham häufig in neuen Formen. Sie bleibt nicht mehr nur im stillen Alleinseins, sondern tritt in die Öffentlichkeit – zwischen Fotos, Kommentaren und Likes.
Manchmal sitzt sie genau dort, wo Anerkennung erwartet wird.
Manchmal in deren Ausbleiben.
„Was denken die anderen über mich?“
Diese Frage kann selbst in scheinbar sicheren Momenten Gewicht bekommen. Der dauernde Vergleich mit inszenierten Bildern verstärkt das Gefühl, nicht zu genügen.
Scham hat sich nicht verändert – sie hat nur neue Bühnen gefunden.
Wie Scham sich anfühlen kann
Jede:r erlebt Scham anders. Sie ist selten laut. Häufig zeigt sie sich in kleinen Momenten:
in einem flüchtigen Blick in den Spiegel
im Zögern nach einem ausgesprochenen Satz
im nächsten Scrollen durch die Timeline, wenn ein unbestimmtes Unbehagen aufsteigt.
Auch ich kenne Scham als Begleiterin in schwierigen Zeiten. Sie ließ mich glauben, nicht „normal“ zu sein – als stünde ich hinter einer unsichtbaren Wand.
Heute verstehe ich Scham eher als Reaktion – nicht als Beweis:
Sie erzählt eine Geschichte, aber sie ist nicht die Wahrheit über uns.
Scham und Stille
Die Stille, die Scham begleitet, ist oft schwerer als Worte.
Sie zeigt sich im Rückzug, im Zögern, im Verschweigen kleiner Fragen, die wir uns nicht zu stellen wagen.
Nicht die großen Geheimnisse isolieren uns. Es sind die kleinen, unausgesprochenen Fragen,
in denen wir uns zurückziehen.
Judith L. Herman beschreibt, dass Schweigen entsteht, wenn inneres Erleben zu beschämend wirkt, um ausgesprochen zu werden – mit spürbaren Folgen für das gelebte Leben.
Doch selbst in dieser Enge kann ein leiser Impuls entstehen: die Einladung, sich der Scham zuzuwenden, nicht um sie zu bekämpfen, sondern um sie zu verstehen.
Ein langsamer Blick auf Scham
Scham braucht keinen Ausweg – sie braucht Raum. Ein langsamer Weg beginnt, wenn wir bemerken:
Sie gehört zum menschlichen Erleben und sie definiert uns nicht.
Scham kann darauf hinweisen, wo wir verletzlich sind, wo wir uns schützen wollen oder wo frühere Erfahrungen nachwirken. Sie ist kein Makel, sondern ein Signal unseres inneren Systems.
Scham als Beziehungsgeschehen
Scham ist nie nur innerlich. Sie entsteht im Kontakt – realem oder vorgestelltem – mit anderen.
In sicheren Beziehungen kann das Benennen von Scham entlasten. Nicht als Pflicht zum Teilen, sondern als Möglichkeit, gesehen zu werden.
Gleichzeitig bleibt es stimmig, Scham auch für sich zu halten. Entscheidend ist weniger das Sprechen als die innere Haltung: ob Strenge oder Freundlichkeit überwiegt.
Ein anderer Blick auf Scham
Was, wenn wir nicht falsch sind – sondern einfach menschlich?
Was, wenn Scham kein Scheitern ist, sondern ein Hinweis darauf, wie wichtig Zugehörigkeit für uns ist?
Scham kann trennen.
Sie kann aber auch zu Verbindung führen – mit uns selbst und mit anderen.
Zum Weiterdenken
Welche Gefühle tauchen auf, wenn du an Scham denkst?
Wann hast du zuletzt Scham gespürt?
Was geschieht in deinem Körper in diesen Momenten?
Mit wem könntest du Scham teilen – oder auch nicht?
Wie wäre es, Scham nicht zu bekämpfen, sondern zu beobachten?
Vielleicht beginnt Verbindung dort, wo Scham nicht mehr versteckt werden muss, sondern leise gesehen werden darf.
Zum Vertiefen
Ein Buch zu diesem Themenraum.
→ Brené Brown: Verletzlichkeit macht stark
