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Stress und Nervensystem: Was in uns geschieht

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • 21. Juli 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 20 Stunden

Abstrakte Querformat-Illustration: Ein Gehirn links sendet wurzelartige Nervenlinien zu einer zusammengekauerten Person in einer rissigen Landschaft – in erdigen Pastelltönen als Bild für Stress und Nervensystem.


Wie sich ein überreiztes Nervensystem anfühlen kann

Ich weiß, was in meinem Körper geschieht. Ich habe gelesen, geforscht, mich mit Stress, dem Nervensystem, Trauma, der Polyvagal-Theorie und körperlich erlebten Schmerzen beschäftigt. Theoretisch kann ich gut einordnen, warum mein Nervensystem so empfindlich reagiert – warum sich mein Inneres oft wie auf der Flucht anfühlt, obwohl längst keine akute Gefahr mehr da ist.


Es ergibt Sinn. Und trotzdem verändert sich wenig. Die Anspannung bleibt. Ein feines Flirren unter der Haut. Ein Ziehen in der Brust. Eine wache Unruhe, die selbst in stillen Momenten nicht ganz weicht.


Ich verstehe viel – und merke gleichzeitig: Verstehen allein schafft noch kein Vertrauen. Mein Körper vergisst nicht. Er löscht nichts. Was sich tief eingeprägt hat, bleibt als Spuren bestehen.


Was sich jedoch langsam verändert, ist meine Haltung dazu: nicht im Sinne von Fortschritt oder Lösung, sondern im Sinne von Beziehung. Tastend. Nicht linear. Immer wieder neu.


Es gibt Tage, an denen sich Widerstand meldet. Wut darüber, dass mein Körper nicht so reagiert, wie ich es mir wünsche. Dass sich etwas anfühlt, als würde es stocken – obwohl ich innerlich schon so viel eingeordnet habe.


Dann beginne ich erneut zu lauschen. Nicht zu flüchten – weder körperlich noch gedanklich.


Mit der Zeit wird deutlicher: Mein Körper schützt mich. Er reagiert nicht grundlos. Und er braucht Zeit – mehr, als mein Denken oft zulassen möchte. Ich versuche, weniger zu analysieren und mehr wahrzunehmen. Nicht gegen mich zu arbeiten. Nicht gegen das, was war. Sondern mit dem, was gerade ist.


Auch wenn ich mir dieses Leben manchmal leichter wünsche – es ist meines. Und ich lerne, es zu halten. Nicht für immer. Aber heute.


Das Nervensystem im Stressmodus – eine Einordnung

Das Nervensystem ist das zentrale Steuerungssystem des Körpers. Es nimmt Reize auf, bewertet sie und reagiert – meist schneller, als wir bewusst denken können. Dabei geht es nicht um rationale Bewertung, sondern um eine grundlegende Frage:


Bin ich sicher – oder nicht?


Diese innere Bewertung beeinflusst, wie wir fühlen, denken und handeln.


Im autonomen Nervensystem wirken dabei zwei grundlegende Bewegungen zusammen:


  • Aktivierung: Zustände von Wachheit, Anspannung, Bereitschaft

  • Beruhigung: Zustände von Ruhe, Verbindung, Regeneration


Ein reguliertes Nervensystem ist nicht dauerhaft ruhig. Es ist beweglich. Es kann sich aktivieren, wenn etwas Aufmerksamkeit erfordert – und wieder zur Ruhe finden, wenn der Moment vorbei ist. Manchmal jedoch bleibt dieses System in einer Art Daueralarm.


Mögliche Hintergründe können sein:


  • anhaltender Stress

  • Unsicherheit

  • frühe Prägungen

  • Erfahrungen, die innerlich nicht integriert werden konnten


Dann reagiert der Körper weiter, als wäre Gefahr vorhanden – selbst wenn das äußere Leben längst ruhiger geworden ist.


In solchen Fällen wird oft von einem überreizten oder dysregulierten Nervensystem gesprochen. Die Polyvagal-Theorie beschreibt diese Zustände nicht als Störung, sondern als nachvollziehbare Schutzreaktionen:


  • Kampf, Flucht, Erstarrung

  • soziale Verbundenheit und Regulation, wenn Sicherheit spürbar ist


Diese Perspektive verschiebt den Blick:


  • Nicht: Was stimmt mit mir nicht?

  • Sondern: Was versucht mein System zu sichern?


Wenn auch Freude zu viel sein kann

Was mir lange schwer einzuordnen fiel: Nicht nur Angst, Schmerz oder Überforderung bringen mein Nervensystem an Grenzen.


Manchmal sind es auch die schönen Momente:


  • tiefe Freude

  • Erleichterung

  • Lebendigkeit

  • ein Raum, der endlich stimmig wirkt

  • ein Tag, an dem nicht Durchhalten im Vordergrund steht, sondern Erleben


Und dann – zeitversetzt – eine Erschöpfung, die scheinbar ohne äußeren Anlass auftaucht.


Heute verstehe ich das anders: Auch positive Erregung ist Erregung. Auch Freude kann ein Nervensystem überfluten, wenn innere Sicherheit noch nicht stabil gespeichert ist. Es geht dabei nicht darum, weniger zu fühlen, sondern darum, wie viel Erleben innerlich gehalten werden kann.


Diese Einordnung nimmt Druck. Sie erlaubt, solche Reaktionen weder zu dramatisieren noch zu ignorieren.


Nicht: Das war zu schön, vielleicht kommt das nie wieder.

Sondern: Das war schön. Und mein System lernt noch, damit zu sein.


Schmerz, Anspannung und innere Schleifen

Lange bewegte ich mich in einem vertrauten Kreislauf:


  • Schmerz erzeugte Angst

  • Angst führte zu Anspannung

  • Anspannung verstärkte den Schmerz


Erst als ich diesen Zusammenhang nicht mehr bekämpfte, sondern benannte, entstand etwas wie ein innerer Raum zwischen mir und dem Schmerz.


Ein Gedanke, der sich langsam verankerte:


Ich spüre Schmerz – und ich bin in Sicherheit.

Ich muss nicht kontrollieren.

Er ist da – und ich bin mehr als er.


Diese Haltung wirkt nicht spektakulär. Aber sie verändert etwas auf einer Ebene, die tiefer liegt als jedes Verstehen.


Vom Begreifen zum Verkörpern

Mit der Zeit wurde klar: Wissen allein reicht nicht. Ein inneres Verstehen braucht Verkörperung – nicht als Technik, sondern als Erfahrung.


Für mich zeigt sich darin eine leise Verschiebung:


  • weniger erklären müssen

  • mehr im Moment bleiben

  • weniger kontrollieren, mehr kleinen Bewegungen vertrauen


Nicht alles muss benannt werden. Manches will nur gespürt werden – in einem Rahmen, der nicht überfordert.


Sanfte Formen der Annäherung

Im Laufe der Zeit sind mir verschiedene Formen begegnet, die mir halfen, mein Nervensystem besser einzuordnen. Nicht als Lösungen, sondern als Möglichkeiten der Wahrnehmung.


Manche begleiteten mich länger, andere nur eine Zeit. Entscheidend war weniger die Methode als die innere Haltung: ohne Druck, ohne Ziel, ohne das Bedürfnis, „funktionieren“ zu müssen.


Dazu gehörten unter anderem:


  • körperorientierte Ansätze, die Empfindungen Raum geben

  • ruhige Atem- oder Entspannungsformen

  • sanfte Bewegungen ohne Leistungsanspruch

  • einfache Rituale, die Fürsorge ausdrücken

  • Zeit in der Natur, ohne Zweck


Mit der Zeit wurde deutlich:


Nicht alles, was hilft, muss intensiv sein.

Nicht alles, was sanft ist, ist wirkungslos.


Offene Fragen zur Einordnung

  • Wann hast du zuletzt bemerkt, dass dein Nervensystem überfordert war – vielleicht auch durch etwas Schönes?

  • Gibt es etwas Kleines, das deinem Körper in solchen Momenten signalisiert: Es ist gerade genug?

  • Wie zeigt sich Sicherheit bei dir – körperlich, nicht gedanklich?



Manchmal beginnt Verstehen nicht mit Antworten, sondern mit einer Frage, die bleiben darf.



Literatur


Stephen W. Porges: Die Polyvagal-Theorie

Peter Levine: Sprache ohne Worte

David Butler & Lormier Moseley: Schmerzen verstehen


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