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Ich war schon einmal hier | Über Orte, die man längst hinter sich gelassen glaubte

Autorenbild: Corinna Fleiß
Corinna Fleiß
vor 2 Tagen
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 7 Stunden

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal in den Sumpf gefallen bin.


Vielleicht gab es keinen bestimmten Moment. Vielleicht war der Boden schon lange weich geworden, während ich noch glaubte, ganz normal weiterzugehen.


Erst irgendwann wurde jeder Schritt schwerer. Ich wollte schneller gehen, aber meine Beine wurden langsamer. Ich wollte stehen bleiben, aber der Boden unter mir gab nach.


Und dann war ich darin.


Abstrakte Landschaft mit mehreren einsamen Silhouetten auf nassem Pfad im Nebel, zwischen Bäumen und goldener Sonne.
© LavendelGrün

Zuerst suchte ich nach einem Grund. Nach einem Fehler. Nach einer falschen Entscheidung. Nach einer Stelle, an der ich hätte anders abbiegen müssen.


Aber je länger ich suchte, desto weniger fand ich.


Der Sumpf erklärte sich nicht. Er war einfach da.


Ich versuchte, mich fortzubewegen. Aber es war kein richtiges Wasser. Alles war schwer. Jede Bewegung kostete Kraft, und trotzdem kam ich kaum voran. Manchmal dachte ich, ich bewegte mich überhaupt nicht. Dass ich nur erschöpfter wurde.


Irgendetwas in mir wollte noch nicht aufgeben.


Vielleicht gibt es in uns etwas, das weiterwill, selbst wenn wir noch nicht wissen, wohin.


Irgendwann wurde der Boden fester. Erst kaum merklich. Meine Beine sanken nicht mehr ganz so tief ein. Ich konnte einen Schritt machen. Dann noch einen.


Als ich aus dem Sumpf kam, war ich erschöpft. Ich sah den Schlamm an meinen Armen und Beinen und wollte ihn möglichst schnell loswerden, als wäre er ein Zeichen dafür, dass etwas mit mir nicht stimmte.


Aber ich war nicht weniger ich, nur weil ich durch diesen Sumpf gegangen war.


Ich wusch den Schlamm ab, weil es angenehm war, wieder meine eigene Haut zu spüren.


Danach begann der Wald.


Ich hatte erwartet, dass es nach dem Sumpf leichter werden würde. Stattdessen wurde es dunkel. Die Bäume standen dicht und nahmen mir die Sicht. Ich wusste nicht, wie weit ich gehen musste oder was hinter der nächsten Biegung lag.


Im Sumpf hatte ich wenigstens gewusst, wo ich war. Im Wald wusste ich nicht einmal das.


Nach einer Weile sah ich zwischen den Bäumen Licht. Ich ging darauf zu.


Als ich den Wald verließ, musste ich die Augen schließen. Die Helligkeit war ungewohnt.


Ich hatte geglaubt, jetzt wäre es geschafft.


Aber auch dort regnete es.


Manchmal stand ich in der Helligkeit und wartete bereits auf die Dunkelheit. Ich beobachtete mich, suchte nach ersten Zeichen dafür, dass der Boden wieder nachgeben könnte.


Vielleicht fühlt sich fester Boden nur dann selbstverständlich an, wenn man nie erlebt hat, wie er unter einem verschwindet.


Irgendwann wurde der Boden wieder weich.


Nicht an einem bestimmten Tag. Nicht mit einer großen Warnung. Meine Schritte wurden schwerer. Etwas in mir begann wieder, mich nach unten zu ziehen.


Ich wollte nicht zurück.


Beim ersten Mal wusste ich nicht, dass es außerhalb des Sumpfes etwas anderes gab. Jetzt wusste ich es.


Ich kannte den Wald. Ich kannte die Helligkeit. Ich wusste, wie sich das Leben anfühlen konnte, wenn nicht alles schwer war.


Und gerade deshalb tat es weh, wieder zu sinken.


Ich dachte, ich wäre weiter. Ich dachte, ich hätte verstanden.


Aber der Sumpf fragte nicht danach.


Die alten Gedanken waren wieder da: Vielleicht fängt alles von vorne an. Vielleicht war das Licht nur eine Pause. Vielleicht bin ich gar nicht so weit gekommen, wie ich dachte.


Eine Zeit lang glaubte ich ihnen.


Dann erinnerte ich mich: Ich kannte diesen Ort. Nicht nur den Sumpf. Auch mich darin.


Ich wusste, dass ich schon einmal dort gewesen war – und dass ich irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen gehabt hatte.


Das machte den Sumpf nicht leichter.


Aber er war nicht mehr mein Anfang.


Heute weiß ich nicht immer, wo ich in dieser Landschaft stehe. Manchmal ist der Wald dunkel. Manchmal scheint die Sonne. Manchmal wird der Boden wieder weich.


Ich versuche, nicht schon im Licht auf den Sumpf zu warten.


Es gelingt mir nicht immer.


Aber ich gehe weiter.


Ich bleibe einen Moment stehen.


Der Boden ist noch weich.


Aber er trägt mich.

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