In der Welt von Elara | Zwischen Nähe, Stille und den Dingen, die oft verborgen bleiben (1)
- Corinna Fleiß

- 18. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 15 Stunden

Kapitel Eins | Das leise Entfernen
Lumi sitzt dicht neben Elara auf der alten Bank, während vor ihnen der See still im blassen Licht liegt.
Das Wasser zieht sich beinahe unbewegt bis an den hellen Horizont. Der Himmel wirkt farblos und weich zugleich, als hätte jemand alle Konturen verwischt. Nur der Wind bewegt manchmal die trockenen Gräser am Ufer, während er sanft durch ihr kurzes dunkles Haar streicht.
Elara blickt in die Ferne, ohne wirklich etwas anzusehen.
Sie mag solche Nachmittage. Nicht weil sie besonders wären. Sondern weil dort niemand etwas von ihr erwartet.
Neben ihr bleibt die Bank leer. Weiter hinten läuft ein Paar langsam am Ufer entlang. Irgendwo rollt ein Fahrrad über den Kiesweg und für einen kurzen Moment trägt der Wind entferntes Kinderlachen über das Wasser.
Alles wirkt ruhig. Fast zu ruhig.
Lumi bewegt sich kaum. Sein kleiner warmer Körper neben ihr beruhigt sie inzwischen mehr als die meisten Gespräche.
Erst seit wenigen Monaten ist der kleine Beaglewelpe bei ihr. Mit seinen zu großen Pfoten, den weichen Ohren und diesem ruhigen Blick gibt er Elara manchmal das Gefühl, einfach nur da sein zu dürfen.
Seit Lumi da ist, fühlt sich die Wohnung weniger leer an. Es gibt wieder kleine Routinen. Morgenspaziergänge durch verschlafene Straßen. Leises Hundeatmen neben ihrem Bett. Und dieses leise Gefühl, zuhause nicht mehr ganz allein zu sein.
Elara ist Mitte dreißig und weiß längst, dass das Leben nicht unbedingt leichter wird.
Im Seniorenheim am Rand der Stadt verbringt sie ihre Tage zwischen Kaffeegeruch, leisen Gesprächen und Menschen, die oft nur jemanden brauchen, der ihnen wirklich zuhört.
Viele Menschen mögen Elara schnell. Vielleicht, weil sie nie das Gefühl vermittelt, jemand könnte ihr zu viel sein. Manchmal sitzt sie einfach nur da und hört zu, während dieselbe Geschichte zum dritten Mal erzählt wird.
Manchmal denkt Elara, dass Menschen erst im Alter beginnen, ehrlich über ihr Leben zu sprechen.
Sie trägt meistens warme Farben. Cremetöne, Braun und Dunkelrot. Ihr sehr kurzes dunkles Haar lässt ihre großen Augen und die feinen Sommersprossen auf ihren Wangen noch stärker auffallen. Elara besitzt diese ruhige Art, bei der Menschen oft mehr erzählen, als sie eigentlich wollten.
Es gibt Menschen in ihrem Leben, die ihr wichtig sind. Freundinnen, mit denen sie lacht. Nachrichten, die zeigen, dass jemand an sie denkt. Menschen, die gerne Zeit mit ihr verbringen. Und trotzdem begleitet sie seit Monaten das Gefühl, dass ihr langsam etwas verloren geht, das sie selbst kaum benennen kann.
Nicht dramatisch. Nicht laut. Wie ein Nebel, der sich langsam über alles legt. Selbst schöne Momente wirken plötzlich weiter entfernt, als sie eigentlich sind.
Als würde sie Gespräche führen, lachen, arbeiten und nach Hause gehen, ohne irgendwo wirklich noch anzukommen.
Das Seltsame daran ist, dass sie nicht einmal sagen könnte, wann es begonnen hat. Vielleicht ganz schleichend. Zwischen Arbeitstagen. Zwischen Nachrichten, die sie irgendwann erst Stunden später beantwortet. Zwischen Cafés, Musik und dem Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen.
Menschen erschöpfen Elara inzwischen schneller als früher. Doch die Ruhe macht ihr mittlerweile genauso Angst. Denn sobald es still wird, werden ihre Gedanken lauter.
Und irgendwo zwischen der Sehnsucht nach Ruhe und der Angst vor Stille beginnt etwas in Elara langsam leiser zu werden.
