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Du bist mehr als deine Belastungen

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • vor 9 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Auch wenn dich das, was du erlebst, stark fordern oder einschränken kann, macht es nicht aus, wer du als ganzer Mensch bist


Eine Person steht mit einem Tuch über den Schultern im Wasser, vor einer abstrakten Wand in Grün- und Brauntönen mit geometrischen Formen.


Es gibt Zustände, die sich nicht nur wie ein Teil anfühlen, sondern wie alles. Sie verengen den Blick, durchziehen Gedanken, prägen das Empfinden – und lassen anderes in den Hintergrund treten. Nicht, weil es nicht mehr da ist, sondern weil es kaum noch spürbar wird.


Dieser Text richtet sich an Menschen, die etwas in sich tragen, das sie fordert, einschränkt oder tief berührt – unabhängig davon, ob es dafür einen Namen gibt oder nicht. Und an jene, die erlebt haben, wie sich etwas im eigenen Erleben so stark ausdehnen kann, dass anderes kaum noch spürbar ist.


Dabei geht es hier nicht darum, etwas kleinzureden. Es gibt Formen von Erleben, die sich nicht einfach einordnen oder wegdenken lassen – und sich zeitweise kaum aushalten lassen. Auch das gehört dazu.


Und vielleicht liegt genau hier eine leise Verschiebung:


Nicht die Frage, wie etwas verschwindet. Sondern die Frage, wie es verstanden werden kann.

Was verändert sich, wenn das, was du erlebst, nicht als das gesehen wird, was dich vollständig beschreibt – sondern als ein Teil deiner Geschichte? Selbst dann, wenn es sich zeitweise wie alles anfühlt.


Es gibt mehr als das, was dich belastet

Vielleicht beginnt die Antwort auf diese Frage nicht mit Veränderung, sondern mit einem anderen Blick.


Das, was du erlebst – auch das, was dich belastet – ist nicht das Einzige in dir. Es ist ein Teil deiner Erfahrung, aber nicht alles.


Wenn man genauer hinschaut, lässt sich das eigene Erleben oft in verschiedene Bereiche einordnen. Damit ist nichts Kompliziertes gemeint: Gemeint ist einfach, dass zu dir vieles gleichzeitig gehört – das, was du erlebt hast, was du fühlst und was dich geprägt hat.


Zum Beispiel:


  • Erfahrungen aus deiner Kindheit

  • Mobbing oder Ausgrenzung

  • ein Verlust oder ein prägender Einschnitt

  • Angst oder Unsicherheit


Das sind Erfahrungen, die viel Raum einnehmen können – vor allem dann, wenn sie sich immer wieder zeigen oder lange mitgetragen werden.


Gleichzeitig gibt es auch anderes, das zu dir gehört:


  • deine Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten

  • deine Liebe zu bestimmten Menschen

  • deine Interessen

  • deine Kreativität

  • deine Ruhe oder dein Bedürfnis nach Rückzug

  • deine Verbindung zur Natur

  • Dinge, die dir guttun oder dich tragen


All das ist nicht getrennt voneinander. Es ist gleichzeitig da – auch wenn es nicht immer gleich spürbar ist. Und genau hier passiert oft etwas Entscheidendes: Das, was dich belastet, kann so präsent werden, dass es alles andere überdeckt. Dann wirkt es, als würde sich dein gesamtes Erleben um diesen einen Punkt drehen.


Eine erste Annäherung

Du kannst versuchen, das, was gerade in dir da ist, einmal bewusster wahrzunehmen – nicht, um etwas zu verändern, sondern um zu sehen, was da ist.


Du könntest dich fragen:


  • Was nimmt gerade viel Raum in mir ein?

  • Was ist leiser geworden?

  • Was ist vielleicht noch da, aber kaum spürbar?


Manche schreiben sich das auf. Andere gehen es gedanklich durch. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Es geht nur darum, einen ersten Überblick zu bekommen. Und vielleicht wird dabei etwas klar: Dass das, was dich belastet, zwar viel Raum einnimmt – aber nicht das Einzige ist, was zu dir gehört.


Als sich alles wie ein einziger Raum angefühlt hat

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der sich mein Erleben fast vollständig um einen einzigen Punkt gedreht hat. Nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich und emotional – als würde sich alles um diesen einen Punkt sammeln.


Viele Erfahrungen hingen miteinander zusammen. Mein Umgang mit Leistung oder meine Beziehung zum Essen – all das war lange nicht einfach nur ein Teil von mir, sondern etwas, über das ich mich definiert habe. Oft war das auch mit Scham verbunden.


Heute sehe ich das anders. Nicht als etwas, das falsch war, sondern als etwas, das eine Funktion hatte. Als eine Art, mit innerem Druck oder Überforderung umzugehen – besonders in Zeiten, in denen mein Körper sich nur schwer regulieren konnte.


Vor einigen Jahren hat sich dann etwas verändert. Das, was lange im Vordergrund stand, wurde leiser – und anderes ist stärker geworden. Die körperlichen Schmerzen traten in den Vordergrund und prägten mein Leben zeitweise stark.


Wenn etwas den ganzen Raum einnimmt

Rückblickend fühlt es sich für mich so an, als würde etwas in meinem Erleben immer mehr Raum einnehmen und schließlich alles andere überlagern. Nicht, weil anderes nicht mehr da ist – sondern weil es kaum noch spürbar ist.


In solchen Phasen kann es sich anfühlen:


  • dass sich alles nur noch um diesen einen Zustand dreht

  • dass der Körper den gesamten Raum einnimmt

  • dass andere Aspekte deines Lebens in den Hintergrund treten

  • dass der Zugang zu dem, was dich sonst ausmacht, kaum noch möglich ist


Und genau das macht diese Zustände so intensiv.


Für mich hat sich nicht verändert, dass das plötzlich verschwunden ist, sondern dass sich langsam wieder Raum geöffnet hat.


Anderes wurde wieder spürbar – nicht auf einmal und nicht konstant, sondern schrittweise. Es gab und gibt Tage, an denen die Schmerzen sehr präsent sind, und andere, an denen sie weniger Raum einnehmen. Und auch Tage, an denen vieles gleichzeitig da ist, ohne dass ein einzelner Zustand alles überdeckt.


Heute gehe ich anders damit um. Nicht im Sinne davon, etwas zu beseitigen, sondern im Sinne von annehmen und begleiten.


An Tagen, an denen das, was mich belastet, viel Raum einnimmt, versuche ich, meinen Alltag daran anzupassen:


  • ich ruhe mich mehr aus

  • ich schlafe, wenn mein Körper es braucht

  • ich nehme mir bewusst Zeit für kleine, angenehme Dinge

  • ich sorge gut für mich, so gut es in dem Moment möglich ist


Das können ganz einfache Dinge sein:


  • eine Tasse Tee

  • etwas, das mir gut schmeckt

  • Wärme oder Kälte, die mir gut tut

  • kleine, ruhige Gewohnheiten

  • ein kurzer Spaziergang

  • ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen


Nicht, weil alles gut ist, sondern weil es ein Umgang damit ist.



Und vielleicht liegt genau darin eine Veränderung: Dass etwas sehr viel Raum einnehmen kann – aber nicht alles ist, was dich ausmacht.


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