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Wenn Belastungen viel Raum einnehmen – und doch nicht alles sind

Autorenbild: Corinna Fleiß
Corinna Fleiß
17. Feb. 2025
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Okt.

Es gibt Zustände, die sich nicht nur wie ein Teil anfühlen, sondern wie alles. Sie verengen den Blick, durchziehen die Gedanken, prägen das Empfinden – und lassen anderes in den Hintergrund treten. Nicht, weil es nicht mehr da ist, sondern weil es kaum noch spürbar wird.


Dieser Text richtet sich an Menschen, die etwas in sich tragen, das sie fordert, einschränkt oder tief berührt – unabhängig davon, ob es dafür einen Namen gibt oder nicht. Und an jene, die erlebt haben, wie sich etwas im eigenen Erleben so stark ausdehnen kann, dass anderes kaum noch zu uns durchdringt.


Dabei geht es hier nicht darum, etwas kleinzureden. Es gibt Formen von Erleben, die sich nicht einfach einordnen oder wegdenken lassen und sich zeitweise kaum aushalten lassen. Auch das gehört dazu.


Und vielleicht liegt genau hier eine leise Verschiebung: Nicht in der Frage, wie etwas verschwindet. Sondern in der Frage, wie wir ihm begegnen können.


Was verändert sich, wenn das, was du erlebst, nicht für das Ganze gehalten wird – sondern für einen Teil deiner Geschichte?


Selbst dann, wenn es sich zeitweise wie alles anfühlt.


Abstrakte Kunst: schlanke Figur mit langem transparentem Schleier vor geometrischen Formen in Grün, Gold und Weiß.
© LavendelGrün

Es gibt mehr als das, was dich belastet

Vielleicht beginnt die Antwort auf diese Frage nicht mit Veränderung, sondern mit einem anderen Blick. Das, was du erlebst – auch das, was dich belastet – ist nicht das Einzige, was zu dir gehört. Es ist ein Teil deiner Erfahrung, aber nicht alles.


Wenn man genauer hinschaut, wird sichtbar, dass vieles gleichzeitig zu dir gehört: was du erlebt hast, was du fühlst, was dich geprägt hat und was vielleicht gerade erst entsteht.


Zum Beispiel:


  • Erfahrungen aus deiner Kindheit

  • Mobbing oder Ausgrenzung

  • ein Verlust oder ein prägender Einschnitt

  • Angst oder Unsicherheit


Das sind Erfahrungen, die viel Raum einnehmen können – vor allem dann, wenn sie sich immer wieder zeigen oder lange mitgetragen werden.


Gleichzeitig gibt es auch anderes, das zu dir gehört:


  • deine Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten

  • deine Liebe zu bestimmten Menschen

  • deine Interessen

  • deine Kreativität

  • deine Ruhe oder dein Bedürfnis nach Rückzug

  • deine Verbindung zur Natur

  • Dinge, die dir guttun oder dich tragen


All das ist nicht voneinander getrennt. Es ist gleichzeitig da – auch wenn nicht alles gleich spürbar ist. Und genau hier passiert oft etwas Entscheidendes: Das, was dich belastet, kann so präsent werden, dass es alles andere überdeckt. Dann wirkt es, als würde sich dein gesamtes Erleben um diesen einen Punkt drehen.


Eine erste Annäherung

Du kannst einmal bewusst wahrnehmen, was gerade in dir Raum einnimmt – nicht, um etwas zu verändern, sondern um zunächst nur hinzusehen.


Du könntest dich fragen:


  • Was nimmt gerade viel Raum in mir ein?

  • Was ist leiser geworden?

  • Was ist vielleicht noch da, aber kaum spürbar?


Manche schreiben sich das auf. Andere gehen es gedanklich durch. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Es geht nur darum, für einen Moment wahrzunehmen, was gerade da ist. Und vielleicht wird dabei etwas klar: Das, was dich belastet, nimmt zwar viel Raum ein – ist aber nicht das Einzige, was zu dir gehört.


Als sich alles wie ein einziger Raum angefühlt hat

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der sich mein Erleben fast vollständig um einen einzigen Punkt gedreht hat. Nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich und emotional – als würde sich alles dort sammeln.


Meine Erfahrungen hingen miteinander zusammen. Mein Umgang mit Leistung und meine Beziehung zum Essen waren lange nicht einfach nur ein Teil von mir. Sie waren eng damit verbunden, wie ich mich selbst gesehen habe – mit meinem eigenen Wert und meinem Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit.


Mir wurde immer klarer, dass mir all das auf eine bestimmte Weise geholfen hatte, mit innerem Druck, Überforderung und schwer greifbaren Gefühlen umzugehen – und vielleicht auch, sie nicht in ihrer ganzen Intensität spüren zu müssen.


Vor einigen Jahren hat sich dann etwas verändert. Das, was so lange viel Raum eingenommen hatte – mein Umgang mit Leistung und meine Beziehung zum Essen – wurde leiser. Dafür traten zunehmend somatoforme Symptome in den Vordergrund. Diese Beschwerden wurden zu einem neuen Ausdruck dessen, was in mir weiterwirkte – und machten es mir schwerer, dem auszuweichen, was darunterlag.


Wenn kaum noch Raum für anderes bleibt

Rückblickend wurde mir etwas deutlich, das ich damals noch nicht sehen konnte: Lange hatte ein einziger Bereich meines Lebens sehr viel Raum eingenommen. Mein Umgang mit Leistung und meine Beziehung zum Essen hatten bestimmt, wie ich mich selbst sah, wie ich mit mir umging und wie ich mit innerem Druck zurechtkam.


Als dieser Raum leiser wurde und die somatoformen Symptome stärker in den Vordergrund traten, entstand zunächst nicht mehr Weite. Ich hatte vielleicht erwartet, dass mit dem Leiserwerden des einen auch etwas in mir freier werden würde. Stattdessen war es eher, als hätte sich der Raum verändert. Ich war in einen anderen Raum geraten. Wieder nahm etwas so viel Platz in meinem Erleben ein, dass anderes kaum noch erreichbar war.


Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ich nicht wieder dasselbe tun wollte: einem einzelnen Zustand so viel Raum zu geben, dass er mein gesamtes Erleben bestimmt.


Die Beschwerden waren deshalb nicht einfach etwas, das verschwinden musste. Sie wurden auch zu einem Anlass, genauer hinzusehen – auf das, was darunterlag, auf das, was in mir wirkte, und auf das, was gleichzeitig noch zu mir gehörte.


Vielleicht liegt darin für mich bis heute eine wichtige Unterscheidung: Etwas kann sehr viel Raum einnehmen, ohne der einzige Raum zu sein, den es in mir gibt.


Wenn wieder Raum für anderes entsteht

Es ging nicht von heute auf morgen. Auch heute gibt es Tage, an denen das, was mich belastet, sehr präsent ist. Der Unterschied liegt für mich weniger darin, dass etwas verschwunden wäre, sondern darin, wie ich damit umgehe.


Ich versuche nicht mehr, etwas um jeden Preis zu beseitigen. Ich versuche, es anzunehmen und zu begleiten – und gleichzeitig dem, was noch zu mir gehört, wieder Raum zu geben.


Mit der Zeit wurde auch anderes wieder spürbar – nicht auf einmal und nicht konstant, sondern schrittweise. Manchmal ist ein Zustand wieder sehr präsent. Dann versuche ich mich daran zu erinnern, dass er nicht alles ist und nicht bleiben muss.


An solchen Tagen hilft es mir, meinen Alltag daran anzupassen, was gerade möglich ist. Ich ruhe mehr, schlafe, wenn mein Körper es braucht, und nehme mir bewusst Zeit für Dinge, die mir guttun.


Manchmal ist das eine Tasse Tee, etwas, das mir gut schmeckt, Wärme oder Kälte, ein kurzer Spaziergang oder ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Nichts davon muss etwas lösen. Es darf einfach etwas anderes geben, das in diesem Moment auch da ist.

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