Mentale Gesundheit: Sie scheitert seltener an Einsicht als an Daueranpassung
- Corinna Fleiß

- 18. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Wenn Wissen allein nicht reicht
Viele Menschen wissen erstaunlich genau, was ihnen guttun würde. Mehr Ruhe. Weniger Druck. Klarere Grenzen. Und trotzdem bleibt vieles beim Alten. Nicht, weil Einsicht fehlt, sondern weil Daueranpassung oft stärker ist als jegliches inneres Wissen. Mentale Gesundheit scheitert deshalb seltener am Verstehen, sondern daran, dass wir gelernt haben, uns selbst zu übergehen – leise, zuverlässig und über lange Zeit.
Ich kenne diese Situation gut: Ich sitze da, spüre deutlich, was mir helfen würde, und entscheide mich trotzdem dagegen. Nicht aus Unwissenheit, sondern weil der andere Weg vertrauter ist. Weil er angepasst ist. Weil er weniger auffällt. Funktionieren fühlt sich in solchen Fällen sicherer an, als ehrlich zu sein – vor allem ehrlich zu sich selbst.
Wenn Wissen nicht ins Handeln kommt
Im Alltag zeigt sich mentale Gesundheit oft nicht spektakulär. Sie zeigt sich dort, wo Menschen immer wieder dieselbe Tür öffnen, obwohl sie ahnen, dass dahinter nichts Neues wartet. Nicht aus Sturheit, sondern aus Angst vor den Konsequenzen des anderen Weges. Anpassung schützt vor Konflikten, vor Ablehnung, vor dem Gefühl, zu wenig oder zu viel zu sein.
Typische innere Sätze sind dann:
Ich weiß eh, was mir guttun würde, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.
Andere schaffen das doch auch, also muss ich mich zusammenreißen.
So schlimm ist es ja noch nicht.
Wenn das erledigt ist, schaue ich auf mich.
Diese Sätze sind Ausdruck eines Systems, in dem Durchhalten oft höher bewertet wird als Selbstbezug.
Funktionieren hat einen Preis
Funktionieren bedeutet, Erwartungen zu erfüllen, Rollen stabil zu halten und Bedürfnisse aufzuschieben. Das ist kurzfristig wirksam, langfristig aber teuer. Viele Menschen merken erst spät, wenn ihr Körper oder ihre Psyche längst Signale sendet. Dann ist nicht mehr viel Entscheidungsspielraum da, sondern eher ein Zwang zum Anhalten.
Ein Beispiel aus einem Podcast, das mir hängen geblieben ist: Eine öffentlich bekannte Person beschreibt, wie sie vor der Tür einer Psychiaterin stand und kurz davor war, wieder zu gehen. Nicht weil sie keine Einsicht hatte, sondern weil sie dachte, sie dürfte diese Hilfe nicht brauchen. Führungsposition, Verantwortung, viele Menschen, die sich auf sie verlassen. Sich selbst zurückstellen, war zur Gewohnheit geworden. Erst als die Kraft zur Anpassung weg war, wurde Hilfe möglich.
Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Muster.
Mentale Gesundheit ist kein Idealzustand
Mentale Gesundheit ist nicht, was man einmal „erreicht“ und dann behält. Sie ist wechselhaft, verletzlich und stark vom Kontext abhängig. Trotzdem begegnen uns überall Versprechen, die etwas anderes suggerieren: schneller, besser, stabiler, optimierter. In wenigen Tagen. Mit klaren Regeln.
Wir wissen meist, dass solche Versprechen nicht halten. Und dennoch greifen viele danach, weil sie Hoffnung geben und Kontrolle versprechen. Kontrolle fühlt sich sicher an, besonders dann, wenn innerlich vieles unsicher ist.
Ein Alltagsbeispiel: Eine Freundin erzählt mir, dass sie wieder Kalorien zählt. Sie kennt diesen Weg, sie kennt auch das Scheitern daran. Sobald sie einen Tag nicht zählt, gerät alles außer Kontrolle. Das eigentliche Thema ist nicht das Essen, sondern die Angst vor Kontrollverlust. Zahlen geben Halt, solange sie da sind. Fehlen sie, bricht Unsicherheit auf.
Einsicht reicht nicht – Beziehung ist entscheidend
Wissen allein verändert wenig. Viele Menschen wissen:
dass permanente Selbstoptimierung erschöpft
dass Optimierung keine Sicherheit schafft
dass Anpassung auf Dauer krank machen kann
Und trotzdem bleiben sie dabei. Nicht, weil sie es nicht „umsetzen“, sondern weil Veränderung Beziehung braucht. Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper, zu den eigenen Grenzen.
Hier berührt mentale Gesundheit oft den Selbstwert. Die leise Frage dahinter lautet: Bin ich mir das wert? Darf ich langsamer sein, Pausen brauchen, einen anderen Weg gehen, ohne mich rechtfertigen zu müssen?
Möglichkeiten, sich der Daueranpassung zu entziehen
Es gibt keinen schnellen Ausstieg. Aber es gibt kleine Verschiebungen, die entlasten können, ohne zu überfordern:
Nicht alles gleichzeitig ändern wollen. Ein Bereich reicht, in dem du weniger funktionierst als sonst.
Innere Sätze ernst nehmen. Nicht bewerten, sondern wahrnehmen: Was sage ich mir gerade, um durchzuhalten?
Tempo reduzieren, nicht optimieren. Weniger ist hier kein Ziel, sondern eine Haltung.
Unterstützung zulassen, bevor alles zusammenbricht – auch wenn sich das ungewohnt oder „unberechtigt“ anfühlt.
Vergleiche bewusst unterbrechen. Sie verstärken Anpassung, nicht Orientierung.
Diese Schritte sind nicht leicht. Sie sind auch keine Garantie für sofortige Erleichterung. Aber sie verschieben den Fokus weg vom Funktionieren hin zu mehr Selbstbezug.
Ein leiser, aber tragfähiger Weg
Der Weg, der langfristig trägt, ist selten der spektakuläre. Er ist oft unsicher, langsam und nicht eindeutig. Er beginnt nicht mit einer Lösung, sondern mit der Anerkennung eines inneren Konflikts: Ich weiß, was mir guttun würde – und ich traue mich noch nicht.
Das ist kein Scheitern. Das ist ein realistischer Ausgangspunkt.
Mentale Gesundheit bedeutet nicht, immer stabil zu sein. Sie bedeutet, sich selbst nicht dauerhaft zu verlassen. Und das ist in einer Welt der Daueranpassung vielleicht der mutigste Schritt überhaupt.
