Selbstkritik im Alltag – Wenn das Eigene immer wieder infrage steht
- Corinna Fleiß

- 2. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Juni

Wenn ich glaube, zu viel gesehen zu haben
Am Abend liege ich auf dem Sofa und schaue eine Serie. Aus einer Folge werden zwei, dann drei. Irgendwann schalte ich aus, weil ich müde bin.
Am nächsten Morgen fühle ich mich nicht richtig erholt. Mein Kopf ist schwer. Mein Körper braucht länger, um in Gang zu kommen. Und noch bevor ich richtig im Tag angekommen bin, beginnen meine Gedanken zu prüfen.
War das zu spät?
Hätte ich früher aufhören sollen?
War das wieder nicht gut für mich?
Kennst du das?
Dieses innere Prüfen setzt oft ein, noch bevor ich überhaupt überlegen kann, ob etwas wirklich „falsch“ war. Fast gleichzeitig taucht ein leiser Vorwurf auf:
„Ich war wieder nicht achtsam genug.“
„Ich habe nicht gut auf mich geschaut.“
„Ich hätte es besser machen müssen.“
Ich kenne das nicht nur von Serienabenden. Ich kenne es auch:
nach Gesprächen, bei denen ich später denke: Das hätte ich anders sagen sollen
nach Arbeitstagen, an denen ich nicht alles geschafft habe
nach Pausen, die sich plötzlich „zu lang“ anfühlen
nach Fehlern
nach Momenten, in denen ich einfach müde war
Vielleicht erkennst du dich darin wieder.
Selbstkritik taucht bei mir an vielen Stellen auf:
im beruflichen Kontext
in Beziehungen
beim Umgang mit meinem Körper
beim Essen
beim Ausruhen oder Nicht-Ausruhen
beim Entscheiden
beim Zögern
Manchmal ist diese Stimme laut. Manchmal kaum hörbar. Aber sie begleitet mich.
Wie ist das bei dir? Wann meldet sich deine innere Stimme besonders schnell?
Oft fühlt sie sich an, als wolle sie mir helfen. Als wolle sie verhindern, dass ich Fehler mache und mich vor Enttäuschungen oder Kritik bewahren.
Und doch lässt sie mich häufig unsicher werden. Ich beginne, an mir zu zweifeln, hinterfrage meine Entscheidungen und habe das Gefühl, mich ständig rechtfertigen zu müssen – vor mir selbst.
Mit der Zeit entsteht daraus ein leiser Druck:
„Ich darf mir keine Schwächen erlauben.“
„Ich muss aufpassen.“
„Ich muss es besser machen.“
Ich glaube, viele von uns haben das gelernt:
durch Erwartungen
durch Vergleiche
durch Bewertungen
durch das Gefühl, nur dann genug zu sein, wenn man funktioniert
So wird Selbstkritik zu einer Art innerem Kontrollsystem. Sie soll Ordnung schaffen, Sicherheit geben und Fehler vermeiden.
Und doch hat sie ihren Preis. Sie nimmt Vertrauen in das eigene Empfinden, raubt Ruhe und entfernt mich von dem, was ich eigentlich brauche.
Ich merke das besonders an meinem Selbstwert. Wenn ich mich immer wieder innerlich korrigiere, entsteht leicht der Eindruck:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich bin noch nicht genug.“
„Ich muss mich verbessern.“
Auch dann, wenn objektiv betrachtet alles in Ordnung ist.
Dieses ständige „Noch nicht“.
Noch nicht ruhig genug, noch nicht souverän genug, noch nicht belastbar genug.
Manchmal zeigt sich dieses ständige „Noch nicht“ erst später – in Erschöpfung, im Rückzug oder in dem leisen Gefühl, nie wirklich anzukommen.
Heute erkenne ich darin nicht nur Strenge. Dieses innere Prüfen erzählt auch von dem Wunsch, verantwortungsvoll zu leben und nichts falsch zu machen. Und doch macht es sichtbar, wie wenig Raum ich mir manchmal lasse, einfach Mensch zu sein – mit Müdigkeit, Unsicherheit, Fehlern und Grenzen.
Selbstkritik ist für mich weder Schwäche noch Stärke. Sie ist ein vertrautes Muster, das Sicherheit verspricht – und gleichzeitig Unruhe entstehen lässt.
Vielleicht darf eine Frage einfach mitgehen – für mich und für dich:
Was würde sich verändern, wenn wir uns nicht ständig beweisen müssten, dass wir alles richtig machen?
Vielleicht beginnt Selbstannahme genau dort, wo das innere Prüfen für einen Moment leiser wird. Dort, wo es nicht mehr das letzte Wort haben muss.
