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Selbstakzeptanz: Annäherungen an einen ruhigen Umgang mit sich selbst

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • 3. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Eine kleine, skizzenhaft gezeichnete Figur sitzt still auf einer feinen Linie. Unter ihr breiten sich abstrakte, chaotische Farbflächen in Grün-, Blau- und Erdtönen aus, darüber liegt ein weiter, heller Raum. Das Bild wirkt ruhig, offen und nach innen gerichtet.


Selbstakzeptanz – Meine stille Reise zu mir selbst

Ich weiß nicht genau, wann meine Reise begann. Vielleicht war ich schon immer unterwegs, ohne es zu bemerken. Eines Tages wurde mir klar: Ich will ankommen – nicht irgendwo, sondern in mir selbst.


Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch – das Bedürfnis, endlich bei dir selbst anzukommen.


Heute weiß ich: Was ich damals begann, war der Weg zur Selbstakzeptanz – ein Weg, den viele von uns unbewusst schon längst gehen.


Ein Weg durch innere Landschaften

Am Anfang fühlte es sich so an, als würde ich durch einen dichten Nebel wandern. Jeder Schritt war unsicher. Alte Stimmen aus der Vergangenheit flüsterten:


„Du bist nicht genug.”

„Du musst anders sein.“


Mit jedem Schritt wurde das Flüstern leiser. Der Nebel lichtete sich langsam.


Irgendwann stand ich vor einem stillen See und blickte in mein Spiegelbild – all die Seiten, die ich ablehnte. Doch während ich zusah, bewegte sich das Wasser. Das Licht spiegelte auf der Oberfläche.


Da wurde mir klar: Ich bin nicht nur das, was ich nicht mag.


Ich bin Bewegung, Veränderung, Licht und Schatten zugleich.


Mit diesem Gedanken ging ich weiter.


Erfahrungen auf dem Weg

Ich durchquerte eine karge Wüste und lernte, mit dem auszukommen, was ich hatte. Dabei entdeckte ich, dass ich mehr aushalte, als ich dachte. Später erreichte ich eine blühende Wiese, auf der ich einfach blieb – ohne zu fliehen, ohne mich zu hinterfragen.


Unterwegs begegnete ich Menschen, die mir wie Spiegel waren. In ihren Worten und Blicken sah ich Seiten von mir, die ich selbst oft übersehen hatte: meine Stärke, meine Sanftheit, meine Einzigartigkeit.


Es gab Momente, in denen ich dachte, angekommen zu sein. Doch ich lernte: Die Reise endet nie. Und das ist kein Versagen, sondern ein Geschenk. Jeder Tag ist eine neue Etappe, ein weiterer Schritt zur Selbstakzeptanz.


So gehe ich weiter. Nicht mehr auf der Suche nach einem Ziel, sondern um mich selbst immer wieder neu zu entdecken – mit allem, was ich bin.


Selbstakzeptanz: Für mich ein Weg, kein Ziel

In diesem Beitrag möchte ich mit dir teilen, was Selbstakzeptanz für mich bedeutet, warum sie oft so schwerfällt – und wie sich mein Blick auf mich selbst dabei verändert hat.


Meine Reise zeigt mir: Selbstakzeptanz ist kein Ziel, das ich irgendwann einfach erreiche. Sie ist ein Weg – oft uneben, manchmal still, manchmal herausfordernd.


So wie ich durch verschiedene Landschaften gegangen bin, erlebe ich auch Phasen voller Zweifel, Momente des Innehaltens und Verstehens. Jeder Schritt bringt mich ein Stück näher zu mir selbst.


Doch was bedeutet Selbstakzeptanz eigentlich? Und warum fällt sie uns manchmal so schwer?


Selbstakzeptanz aus psychologischer Sicht

Aus psychologischer Perspektive ist Selbstakzeptanz eng mit der Art verbunden, wie wir uns selbst begegnen. Forschung zu Selbstmitgefühl – etwa von Kristin Neff – zeigt, dass Menschen, die sich mit mehr Milde wahrnehmen, Belastungen oft gelassener tragen können. Nicht, weil Probleme verschwinden, sondern weil der innere Umgang mit ihnen weicher wird.


Selbstakzeptanz bedeutet dabei nicht, alles an sich gut finden zu müssen. Sie beschreibt eher eine Haltung, in der Licht und Schatten nebeneinander stehen dürfen – ohne sofortige Selbstverurteilung.


Diese innerliche Haltung hat auch eine körperliche Seite. Unser Nervensystem reagiert sensibel darauf, wie streng oder freundlich wir mit uns selbst sind. Dauerhafte Selbstkritik kann den Körper in einen Alarmmodus versetzen: Anspannung steigt, der Atem wird flacher, das Herz schlägt schneller.


Hier wird der Vagusnerv bedeutsam. Er verbindet Gehirn, Herz, Lunge und Verdauung und ist zentral dafür, ob wir uns innerlich sicher oder bedroht fühlen. Wenn wir uns ständig unter Druck setzen, gerät diese Regulation leichter aus dem Gleichgewicht.


Luc Swinnen beschreibt in Der Vagusnerv-Effekt, wie eng innere Haltung, Selbstwahrnehmung und körperliche Regulation zusammenhängen. Selbstakzeptanz wirkt deshalb nicht nur „im Kopf“, sondern zeigt sich auch spürbar im Körper – als etwas mehr Weite, ruhigere Atmung oder weniger innere Alarmbereitschaft.


Gerade in Phasen von Erschöpfung oder Rückzug kann Selbstakzeptanz zu einer stillen Kraft werden: nicht als Leistung, sondern als Raum, in dem der Körper wieder zur Ruhe findet.


Warum Selbstakzeptanz oft so schwer fällt

Ich kenne meine innere Kritikerin gut. Sie meldet sich besonders dann, wenn ich müde, unsicher oder erschöpft bin.


Dann flüstert sie:


„Du bist nicht genug.“

„Das passt nicht.“

„Warum schaffst du es nicht wie andere?“


Heute verstehe ich diese Stimme weniger als Angriff und mehr als Echo früherer Erfahrungen. Sie will mich nicht zerstören – sie erinnert mich an alte Prägungen, Erwartungen und Bilder davon, wie ich einmal gelernt habe, sein zu müssen.


Vielleicht kennst du diese Stimme ebenfalls. Sie wird oft lauter, wenn wir uns vergleichen, wenn wir glauben, schneller, besser oder erfolgreicher sein zu müssen. Viele dieser Gedanken entstehen nicht zufällig, sondern wurzeln in früheren Situationen – in Blicken, Worten, Beziehungen oder gesellschaftlichen Erwartungen.


Dieses innere Ringen wirkt nicht nur im Denken, sondern auch im Körper. Dauerhafte Selbstkritik kann das Nervensystem in erhöhte Wachsamkeit versetzen. Der Atem wird flacher, der Herzschlag schneller, die Muskeln spannen sich an.


So wird verständlich, warum Selbstakzeptanz manchmal so schwer fällt: Sie verlangt nicht nur eine neue Haltung im Denken, sondern auch eine Veränderung im inneren Erleben von Sicherheit. Das braucht Zeit – und geschieht selten geradlinig.


Wie sich Selbstakzeptanz zeigen kann

Selbstakzeptanz wächst nicht auf einmal. Sie entsteht in kleinen Momenten – oft leise, manchmal unscheinbar. Immer dann, wenn wir innehalten und uns selbst nicht mehr verändern, sondern einfach wahrnehmen.


Selbstfürsorge als innere Haltung

Selbstfürsorge beginnt dort, wo wir uns selbst zuhören. Vielleicht spürst du, dass du eine Pause brauchst, einen Spaziergang, ein Glas Wasser oder einfach ein paar tiefe Atemzüge. Selbstfürsorge zeigt sich oft darin, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen – ohne sie sofort zu begründen.


Der Atem im Erleben von Ruhe

Der Atem kann ein stiller Anker sein. Manche bemerken, dass der Atem zu einem stillen Anker wird, wenn sie sich überfordert fühlen. Diese Momente bringen dich zurück zu dir – zu einem Gefühl von Sicherheit und Ruhe.


Bewegung und Körperwahrnehmung

Selbstakzeptanz zeigt sich auch darin, wie wir uns bewegen. Nicht, um etwas zu leisten, sondern um uns zu spüren. Eine kurze Dehnung am Morgen, ein Spaziergang im Regen, Tanzen im Wohnzimmer – all das kann helfen, um dich in deinem Körper wieder zuhause zu fühlen.


Beziehung und Spiegelung

Wir lernen uns oft besser kennen, wenn wir mit anderen in Verbindung sind. Ein ehrliches Gespräch, ein gemeinsames Lachen oder einfach das Gefühl gesehen zu werden – das alles erinnert uns daran, dass wir nicht alleine sind.


Kleine Gesten, große Wirkung

Manchmal ändert sich etwas in uns, ohne dass wir es sofort bemerken. Wenn wir beginnen, freundlich mit uns zu sprechen. Wenn wir uns nicht für unsere Gefühle entschuldigen. Wenn wir bleiben – auch dann, wenn es unbequem ist.


Selbstakzeptanz lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht dort, wo Geduld, Offenheit und Aufmerksamkeit Raum bekommen.



Manchmal zeigt sich Selbstakzeptanz nicht als Antwort, sondern als stiller Moment, der trägt. Und vielleicht bleibt dieser Moment einfach da, ohne etwas verändern zu müssen.



Literatur


Kristin Neff: Selbstmitgefühl

Luc Swinnen: Der Vagusnerv-Effekt


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