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Selbstkritik im Alltag: Warum wir uns ständig hinterfragen

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • 16. Juni 2025
  • 3 Min. Lesezeit
Abstraktes Diptychon: Links strukturierte Flächen in Beige, Grün, Blau und Rost mit skizzenhaften Linien und einem halben schwarzen Labyrinthkreis, rechts ein weißer, minimalistischer Raum mit zarter, pastellfarbener Raupe, die zum geteilten Kreis kriecht; ein feiner Faden verbindet die Raupe mit den Kreislinien.


Wenn ich glaube, zu viel gesehen zu haben

Am Abend liege ich auf dem Sofa und schaue eine Serie. Aus einer Folge werden zwei, dann drei. Irgendwann schalte ich aus, weil ich müde bin.


Am nächsten Morgen fühle ich mich nicht richtig erholt. Mein Kopf ist schwer. Mein Körper braucht länger, um in Gang zu kommen. Und noch bevor ich richtig im Tag bin, beginnen meine Gedanken zu prüfen.


War das zu spät?

Hätte ich früher aufhören sollen?

War das wieder nicht gut für mich?


Kennst du das?


Dieses innere Kontrollieren, das einsetzt, bevor ich überhaupt überlegen kann, ob es wirklich „falsch“ war. Dazu kommt oft ein leiser Vorwurf:


„Ich war wieder nicht achtsam genug.

Ich habe nicht gut auf mich geschaut.

Ich hätte es besser machen müssen.“


Ich kenne das nicht nur von Serienabenden. Ich kenne es:


  • nach Gesprächen, bei denen ich später denke: Das hätte ich anders sagen sollen

  • nach Arbeitstagen, an denen ich nicht alles geschafft habe

  • nach Pausen, die sich plötzlich „zu lang“ anfühlen

  • nach Fehlern

  • nach Momenten, in denen ich einfach müde war


Vielleicht erkennst du dich darin wieder.


Selbstkritik taucht bei mir an vielen Stellen auf:



Manchmal ist sie laut. Manchmal sehr leise. Aber sie begleitet mich.


Wie ist das bei dir? Wann meldet sich deine innere Stimme besonders schnell?


Oft fühlt sich diese Stimme an, als wolle sie mir helfen.

Als wolle sie verhindern, dass ich etwas falsch mache.

Als wolle sie mich schützen.


Aber in Wirklichkeit macht sie mich oft unsicher. Ich beginne, an mir zu zweifeln. Ich hinterfrage meine Entscheidungen. Ich habe das Gefühl, mich ständig rechtfertigen zu müssen – vor mir selbst.


Mit der Zeit entsteht daraus ein stiller Druck:


„Ich darf mir keine Schwächen erlauben.

Ich muss aufpassen.

Ich muss es besser machen.“


Ich glaube, viele von uns haben das gelernt:


  • durch Erwartungen

  • durch Vergleiche

  • durch Bewertungen

  • durch das Gefühl, nur dann genug zu sein, wenn man funktioniert


So wird Selbstkritik zu einer Art innerem Kontrollsystem. Sie soll Ordnung schaffen. Sie soll Sicherheit geben. Sie soll Fehler vermeiden.


Und gleichzeitig kostet sie viel. Sie nimmt Vertrauen in das eigene Gefühl. Sie nimmt Ruhe. Sie schwächt den Kontakt zu dem, was ich eigentlich brauche.


Ich merke das besonders an meinem Selbstwert. Wenn ich mich oft innerlich korrigiere, entsteht leicht der Eindruck:


„Mit mir stimmt etwas nicht.

Ich bin noch nicht genug.

Ich muss mich verbessern.“


Auch dann, wenn objektiv betrachtet alles in Ordnung ist.


Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.


Dieses ständige „Noch nicht“.


Noch nicht ruhig genug.

Noch nicht souverän genug.

Noch nicht belastbar genug.


Manchmal zeigt sich das erst spät.


In Erschöpfung.

Im Rückzug.

In dem Gefühl, nie richtig anzukommen.


Heute sehe ich:


Dieses innere Prüfen bedeutet nicht, dass ich zu streng bin, sondern dass ich versuche, verantwortungsbewusst zu leben. Dass ich niemandem schaden will. Auch mir selbst nicht.


Und gleichzeitig zeigt es, wie wenig Raum ich mir manchmal lasse, einfach Mensch zu sein. Mit Müdigkeit, Unsicherheit, Fehlern und mit Grenzen.


Selbstkritik ist kein Zeichen von Schwäche, aber sie ist auch kein Beweis für Stärke. Sie ist oft ein altes Muster, das Sicherheit verspricht und Unruhe erzeugt.


Vielleicht darf diese Frage heute einfach mitgehen – für mich und für dich:


Was würde sich verändern, wenn wir uns nicht ständig beweisen müssten, dass wir es richtig machen?



Vielleicht beginnt Selbstannahme manchmal dort, wo das innere Prüfen für einen Moment nicht das letzte Wort hat.


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