Gestolpert. Gelacht. Weitergegangen.
- Corinna Fleiß

- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit

Der Stolperer im Bus – und warum ich plötzlich lachen musste
Neulich ist mir etwas passiert, das vermutlich vielen Menschen schon einmal passiert ist.
Ich war mit dem Bus unterwegs in die Stadt, stand auf, wollte aussteigen – und stolperte. Nicht elegant, nicht unauffällig, sondern so, dass ziemlich klar war: Das haben einige Menschen mitbekommen. Für einen kurzen Moment war sie da, diese innere Stimme: „Hat das gerade wirklich jeder gesehen?“ Ja, mit ziemlicher Sicherheit. Und genau das brachte mich plötzlich zum Lachen. Erst nur ein bisschen, dann richtig. Je mehr ich lachte, desto kleiner wurde dieses unangenehme Gefühl.
Später fragte ich mich, warum uns solche Momente eigentlich oft so lange beschäftigen.
Wenn aus zehn Sekunden ein Gedankenkino wird
Kinder machen es uns vor. Sie stolpern, fallen hin, stehen auf und rennen meist wenige Sekunden später weiter. Die Sache ist erledigt. Wir Erwachsenen dagegen beherrschen eine bemerkenswerte Kunst: Wir schaffen es, einen zehnsekündigen Stolperer gedanklich über Stunden zu analysieren. Wer hat es gesehen? Wie sah das aus? War das peinlich? Warum muss ausgerechnet mir so etwas passieren?
Manchmal behandeln wir kleine Missgeschicke, als wären sie historische Ereignisse. Der große Busstolperer von 2026 wird zwar vermutlich nicht in die Geschichtsbücher eingehen, doch in unserem Kopf bekommt er gelegentlich genau diese Bedeutung.
Das imaginäre Publikum
Dabei zeigt die psychologische Forschung etwas Interessantes: Menschen, die über sich selbst lachen können, gehen oft gelassener mit Fehlern und unangenehmen Situationen um. Nicht weil ihnen alles egal wäre, sondern weil sie erkennen, dass Menschlichkeit und Unvollkommenheit zusammengehören. Selbsthumor bedeutet nicht, sich selbst kleinzumachen. Er bedeutet vielmehr, sich selbst nicht ständig zum Mittelpunkt eines imaginären Publikums zu machen.
Denn während wir noch darüber nachdenken, wie peinlich unser Stolperer wohl gewirkt hat, überlegen die meisten anderen Menschen wahrscheinlich, was sie heute Abend kochen sollen oder ob sie noch einkaufen müssen.
Wozu Scham eigentlich da ist
Natürlich gehört Scham zum Menschsein dazu. Sie möchte uns vor Ablehnung schützen und erinnert uns daran, wie wichtig uns Zugehörigkeit und die Meinung anderer Menschen sein können. Doch manchmal schießt sie über das Ziel hinaus. Dann wird aus einem kleinen Missgeschick eine gefühlte Katastrophe und aus zehn Sekunden werden plötzlich Stunden des Grübelns.
Die Kunst, über sich selbst zu lachen
Lachen macht aus einem peinlichen Moment keine perfekte Situation. Aber oft macht es sie leichter. Vielleicht steckt darin eine wichtige Erinnerung: Wir müssen nicht jeden Moment unseres Lebens würdevoll, kontrolliert und fehlerfrei meistern.
Manchmal dürfen wir stolpern. Manchmal dürfen wir rot werden. Und manchmal dürfen wir einfach über uns selbst lachen.
Vielleicht ist genau das eine der erwachsensten Formen von Gelassenheit.
Oder um es anders zu sagen: Der Stolperer im Bus war nach zehn Sekunden vorbei. Mein Lachen darüber hat deutlich länger angehalten.
Eine Frage zum Mitnehmen
Über welches Missgeschick konntest du im Nachhinein lachen, obwohl es dir in diesem Moment furchtbar peinlich war?
