Zwischen Momenten entsteht Ruhe
- Corinna Fleiß

- vor 9 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Wie dein Nervensystem sich im Alltag leise reguliert

Manchmal braucht es keine großen Veränderungen. Kein neues Programm. Kein „ab morgen wird alles anders“. Genau dort entsteht oft neuer Druck – an der Stelle, an der eigentlich Entlastung entstehen sollte.
Und gleichzeitig sind sie da: diese kleinen Momente im Alltag, die leicht zu übersehen sind.
Momente, in denen dein Körper bereits merkt, dass etwas zu viel wird.
Momente, in denen ein Gedanke auftaucht: Eigentlich bräuchte ich jetzt eine Pause.
Oder der Wunsch, sich kurz zurückzuziehen.
Erst später – oft am Ende des Tages – wird spürbar, wie viel es wirklich war. Dann kommen Gedanken wie: Ich hätte früher innehalten sollen.
Dieser Beitrag lädt dich nicht dazu ein, etwas grundlegend anders zu machen. Sondern eher dazu, die kleinen Zwischenräume wieder wahrzunehmen, die bereits da sind.
Wo Überforderung leise beginnt
Überforderung entsteht selten plötzlich. Sie baut sich schrittweise auf – oft leise und lange unbemerkt.
Vielleicht ist dir das vertraut: Erst im Nachhinein bemerkst du, dass deine Kraft bereits nachgelassen hat. Dass dein Körper angespannt war. Dass du früher eine Pause gebraucht hättest.
Diese Momente wirken oft wie Fehler. Dabei sind sie Hinweise. Hinweise darauf, wie viel du getragen hast – und vielleicht auch darauf, wo ein früheres Innehalten möglich gewesen wäre.
Was ist Regulation?
Regulation beschreibt die Fähigkeit des Körpers, nach Belastung wieder in einen Zustand von mehr Ruhe und Stabilität zu finden. Dieser Prozess verläuft oft automatisch und ist nur begrenzt willentlich steuerbar.
Häufig geschieht das etwa durch:
Atmung
Bewegung
Berührung
kurze Pausen
Wenn Regulation gut möglich ist, kann dein Körper flexibler zwischen Anspannung und Entspannung wechseln.
Wenn sie erschwert ist, bleibt der Körper häufiger in Stress, Unruhe oder Erschöpfung hängen – und genau hier können kleine Momente im Alltag etwas verändern.
Kleine Zwischenräume im Alltag
Zwischen all dem, was passiert, gibt es sie immer wieder: kleine Zwischenräume. Sie müssen weder geplant noch perfekt genutzt werden. Sie sind da.
Solche kleinen Momente können die Körperwahrnehmung unterstützen und kurzfristig zu mehr Ruhe beitragen.
Atem wahrnehmen
Du kannst die Aufmerksamkeit für einige Atemzüge auf das Ein- und Ausatmen lenken. Dabei lässt sich beobachten, wie schnell oder langsam der Atem ist und ob er eher flach oder tief wird.
Körperkontakt spüren
Du kannst die Aufmerksamkeit auf Kontaktflächen lenken:
Füße am Boden
Rücken an der Lehne
Hände aufeinander
Dabei kann spürbar werden, wie sich Druck oder Berührung anfühlen.
Kurze Pause ohne Handlung
Manchmal kann es hilfreich sein, die aktuelle Tätigkeit für einen Moment zu unterbrechen – etwa für 10–20 Sekunden.
In dieser kurzen Zeit:
nichts tun
nichts optimieren
wahrnehmen, was gerade da ist
Orientierung im Raum
Du kannst den Blick in den Raum schweifen lassen und für dich benennen:
3 Dinge, die du sehen kannst
2 Geräusche, die du hörst
1 Körperempfindung
So kann sich die Aufmerksamkeit etwas vom inneren Erleben nach außen verlagern.
Neutrale Berührung
Du kannst eine Hand auf eine Körperstelle legen, z. B.:
Brustbereich
Bauch
Oberarm
Die Berührung kann ruhig und konstant sein, ohne Druck oder Bewegung.
Wenn der Körper leise reagiert
Wenn diese kleinen Momente wahrgenommen werden, kann der Körper manchmal leise reagieren. Nicht immer – aber immer wieder.
Vielleicht wird die Atmung ruhiger.
Manchmal lässt Spannung etwas nach.
Und möglicherweise wird es ein wenig ruhiger im Körper.
Der Körper reagiert auf kleine Signale:
Kühle
Berührung
Langsamkeit
kurze Reizpausen
Und manchmal kann genau das eine kleine Veränderung unterstützen. Manchmal bleibt eine spürbare Veränderung auch aus – auch das ist eine mögliche Reaktion des Körpers.
Wahrnehmung statt Umsetzung
Es geht nicht um Disziplin oder neue Routinen. Nicht um „ich muss jetzt regelmäßig…“. Sondern um etwas viel Leiseres: Wahrnehmen.
Vielleicht taucht daraus zwischendurch eine dieser Fragen auf:
Wie geht es mir gerade?
Ist noch Kraft da?
Was würde sich jetzt stimmig anfühlen?
Diese Fragen müssen nicht beantwortet werden. Aber sie können Orientierung geben.
Kleine Inseln, die nichts verlangen
Es geht nicht darum, etwas zusätzlich zu tun. Sondern eher darum, kleine Inseln entstehen zu lassen. Momente ohne Bewertung. Ohne Druck. Ohne „ich sollte eigentlich“.
Vielleicht zeigt sich das so:
kurz still sitzen
aus dem Fenster schauen
einen Moment ohne Bildschirm
Und dabei nichts leisten müssen. Auch kein „gut regulieren“.
Was bereits da ist
Es ist nicht nötig, sofort etwas zu verändern, damit Momente von Ruhe wahrnehmbar werden. Vieles ist bereits da: im Körper, in deinen Reaktionen, in diesen kleinen Momenten. Genau hier zeigt sich manchmal etwas – nicht als großer Wandel, sondern als leises Wahrnehmen dessen, was ohnehin geschieht.
Vielleicht zeigt sich Ruhe nicht als Ziel, sondern als etwas, das zwischendurch auftaucht. Leise, unaufdringlich und genau so, wie es im Moment möglich ist.
