Angst: Was in uns geschieht, wenn sie auftaucht
- Corinna Fleiß

- 29. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 17 Stunden

Angst als Teil menschlicher Erfahrung
Angst gehört zum menschlichen Erleben. Jede Person kennt sie – in unterschiedlichster Form, Intensität und zu unterschiedlichen Zeiten.
Manchmal tritt Angst in konkreten Situationen auf, manchmal scheinbar ohne Anlass. Nicht immer ist klar, wodurch sie ausgelöst wird oder warum sie gerade jetzt so spürbar wird.
Aus psychologischer Sicht wird Angst oft als inneres Warnsignal beschrieben, das auf potenzielle Bedrohungen oder Unsicherheit hinweist. Fachstellen wie die Deutsche Angst-Hilfe e.V. greifen diese Perspektive auf und ordnen Angst als grundlegende Reaktion des Menschen ein.
Der Körper reagiert dabei häufig, noch bevor Gedanken eine klare Form finden: Anspannung entsteht, der Atem verändert sich, die Wahrnehmung verengt sich.
Diese Beschreibungen können helfen, Angst einzuordnen. Sie erklären jedoch nicht alles.
Denn Angst ist nicht immer kurzzeitig. Sie ist nicht immer beruhigbar. Und sie ist nicht für alle Menschen gleich erfahrbar. Viele erleben Angst als dauerhafte innere Anspannung – als einen Zustand, der den Alltag, Beziehungen und das eigene Leben zunehmend einengt. Angst kann Bewegung verhindern, Entscheidungen blockieren und das Gefühl entstehen lassen, vom eigenen Leben abgeschnitten zu sein.
Das zu benennen ist mir wichtig. Nicht um Angst zu erklären, sondern um sie ernst zu nehmen.
Angst gehört zum Leben.
Gleichzeitig kann sie für Menschen so belastend sein, dass sie kaum mehr Raum für anderes lässt.
Beides darf nebeneinander stehen.
Ein Augenblick der Zuwendung
Für mich war Angst lange mit Unsicherheit verbunden. Mit Fragen, nach dem, was kommt. Was sich verändern könnte. Was vielleicht nicht mehr tragfähig ist.
Gedanklich war ich oft nicht im gegenwärtigen Moment, sondern in möglichen Zukunftsszenarien oder in der Vergangenheit, mit dem Versuch zu verstehen, was von dort aus wirksam geblieben ist. Dieses Hin und Her ließ wenig Ruhe entstehen.
In einer Zeit großer Herausforderungen wurde die Angst präsenter. Nicht punktuell, sondern über Wochen und Monate hinweg. Sie war so stark, dass sie mich lähmte und mir einen Alltag unmöglich machte, der zuvor selbstverständlich gewesen war.
Veränderung begann nicht plötzlich und nicht, weil ich sie geplant hätte. Allmählich habe ich gelernt, der Angst zuzuhören – nicht im Sinne eines Analysierens oder Deutens, sondern im Aushalten ihrer Präsenz. Sie nicht sofort wegzustoßen, ihr Raum zu geben, ohne ihr die Führung zu überlassen.
Das erforderte Geduld und Vertrauen. Vertrauen darauf, dass es möglich ist, weiterzugehen – auch mit Angst. Dass Innezuhalten erlaubt ist. Und dass Akzeptanz nicht gleichbedeutend mit Aufgeben ist.
Ich möchte das nicht beschönigen. Dieser Weg war schwierig und nicht geradlinig.
Und doch wurde es mit der Zeit ruhiger. Nicht weil die Angst verschwunden wäre, sondern weil sie nicht mehr alles bestimmte.
Heute gehört Angst weiterhin zu meinem Leben. Wie andere Gefühle auch. Sie ist ein Teil von mir. Aber nicht mehr der größte.
Annäherung statt Kontrolle
Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux beschreibt in seinen Büchern Angst nicht als Fehlfunktion, sondern als tiefverankerten Teil unseres inneren Systems. Etwas, das entstanden ist, um zu schützen – und das sich nicht einfach abschalten lässt.
Diese Perspektive verändert den Blick. Sie nimmt Druck heraus. Und sie macht deutlich, dass es bei Angst selten um schnelle Lösungen geht.
Angst verschwindet meist nicht auf Knopfdruck. Es gibt keine einfachen Heilungen. Und keine Abkürzungen – zumindest nicht, wenn es um einen tragfähigen Umgang geht.
Was es geben kann, sind Wege der Annäherung. Möglichkeiten, Angst besser zu verstehen, ihre Intensität zu verändern, ihren Einfluss zu begrenzen. Nicht durch Bekämpfung, sondern durch Beziehung.
Welche Zugänge entlastend wirken, ist individuell verschieden. Oft ist es nicht ein einzelner Ansatz, sondern das Zusammenspiel mehrerer Elemente, das mit der Zeit Raum schafft.
Möglichkeiten, die entlasten können
Es gibt nicht die eine Möglichkeit, im Umgang mit Angst. Und auch nicht den einen richtigen Weg.
Was für den einen Menschen entlastend wirkt, kann für einen anderen kaum Bedeutung haben. Oft ist es nicht ein einzelner Zugang, sondern das Zusammenspiel mehrerer Elemente, das mit der Zeit Raum schafft.
Diese Punkte beschreiben Zugänge, die Menschen als entlastend erleben können – unterschiedlich, zeitweise, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Mögliche Zugänge sind zum Beispiel:
Bewegung an der frischen Luft
Als Verbindung mit dem Körper und dem Außen, ohne Ziel, ohne Leistung, ohne Erwartung.
Kreativer Ausdruck
Schreiben, Gestalten, Musik oder andere kreative Formen können innere Zustände sichtbar machen, für die es noch keine klaren Worte gibt.
Therapeutische Begleitung
Einen Raum zu haben, in dem Angst nicht erklärt oder relativiert werden muss, sondern ernst genommen wird.
Medikamentöse Unterstützung
Nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Möglichkeit, Stabilität zu gewinnen, wenn andere Ressourcen nicht ausreichen.
Austausch mit anderen Betroffenen
Begegnungen, in denen das Gefühl entstehen kann, nicht allein oder „falsch“ zu sein.
Entspannungsverfahren
Nicht als Mittel gegen Angst, sondern als Angebot an das Nervensystem, zwischendurch Ruhe zu erfahren.
Bewusste Pausen im Alltag
Kleine Unterbrechungen, um wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen – ohne Anspruch, etwas verändern zu müssen.
All diese Zugänge dürfen nebeneinander bestehen. Sie müssen nicht gleichzeitig greifen und nicht dauerhaft wirksam sein. Oft zeigt sich erst mit der Zeit, was im eigenen Leben Resonanz findet.
Wenn Angst mit Scham verbunden ist
Viele Menschen sprechen irgendwann nicht mehr über ihre Angst. Nicht, weil sie weniger da wäre, sondern weil sie zu oft nicht verstanden wurde.
Sätze wie:
„Wovor hast du denn Angst?“
„Du brauchst doch keine Angst haben.“
„So schlimm ist das doch nicht.“
können dazu führen, dass Angst verschwiegen wird. Dass Betroffene beginnen, an sich selbst zu zweifeln oder ihr Erleben in Frage zu stellen.
Scham entsteht oft dort, wo innere Zustände keinen Platz bekommen. Wo sie erklärt, relativiert oder belächelt werden. Mit der Zeit ziehen sich viele Menschen zurück – nicht nur aus Gesprächen, sondern auch aus Beziehungen.
Das zu benennen ist wichtig. Nicht um Schuld zu verteilen, sondern um sichtbar zu machen, wie still Angst werden kann, wenn sie keinen sicheren Raum findet.
Angst und Akzeptanz
Angst gehört zum menschlichen Leben. Manchmal leise, manchmal überwältigend.
Dass es Möglichkeiten gibt, mit ihr umzugehen, heißt nicht, dass sie verschwinden muss. Es heißt, dass Veränderung möglich ist – im Verhältnis zu ihr, im eigenen Tempo, mit Geduld.
Akzeptanz bedeutet nicht Aufgeben. Sondern, sich selbst ernst zu nehmen, auch dort, wo es schwer ist. Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das trägt.
Literatur
Elisa Eckartsberg: Du bist also meine Angst?
Luise Reddemann: Imagination als heilende Kraft
