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Wer sind wir – und wer werden wir?

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • 8. Juni
  • 3 Min. Lesezeit
Abstrakte Illustration einer Waage mit stilisierten Gesichtern, Pflanzen und Wasser in sanften Beige- und Grautönen.


Sind wir bereits bei unserer Geburt die Person, die wir später sein werden? Oder werden wir erst durch Erfahrungen, Beziehungen und die Ereignisse unseres Lebens zu dem Menschen, der wir heute sind?


Diese Frage beschäftigt Philosophie, Psychologie und Wissenschaft seit Jahrhunderten. Eine bekannte Vorstellung stammt vom Philosophen John Locke. Er beschrieb den Menschen als eine Art „unbeschriebenes Blatt“ – eine Tabula rasa, die erst durch Erfahrungen beschrieben wird.


Heute wird diese Frage differenzierter betrachtet. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen bereits mit bestimmten Temperamenten und Veranlagungen zur Welt kommen. Manche Kinder reagieren sensibler auf ihre Umwelt, andere sind neugieriger, vorsichtiger oder kontaktfreudiger.


Gleichzeitig prägen uns Erfahrungen.


Familie, Freundschaften, Schule, Krisen, Verluste, Erfolge und gesellschaftliche Bedingungen hinterlassen Spuren. Persönlichkeit entsteht vermutlich weder ausschließlich durch Gene noch ausschließlich durch Erfahrungen. Vielmehr entwickelt sie sich aus dem Zusammenspiel vieler Einflüsse.


Haben wir nur eine Persönlichkeit?

Vielleicht kennen viele Menschen das Gefühl, in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich zu sein.


  • Im Beruf wirken wir anders als im Freundeskreis.

  • In Beziehungen zeigen wir andere Seiten als gegenüber Fremden.

  • In Krisenzeiten verhalten wir uns oft anders als in Phasen der Sicherheit und Stabilität.


Manchmal entsteht dadurch die Frage, ob wir mehrere Persönlichkeiten besitzen.


Vielleicht ist die spannendere Frage jedoch eine andere:


Sind das verschiedene Persönlichkeiten – oder verschiedene Ausdrucksformen derselben Person?


Können Menschen sich verändern?

Viele Menschen wünschen sich Veränderung.


Manche möchten selbstbewusster werden. Andere gelassener, mutiger oder offener. Gleichzeitig hört man oft den Satz:

„Menschen ändern sich nicht.“

Meine Erfahrungen sprechen eher für eine andere Sichtweise.


In den vergangenen Jahren habe ich selbst erlebt, wie viel Veränderung möglich ist. Nicht durch einen einzigen Entschluss und auch nicht über Nacht. Vielmehr durch viele kleine Schritte, durch Herausforderungen, gesundheitliche Veränderungen, neue Erfahrungen und die Bereitschaft, genauer hinzusehen.


Dabei hatte ich oft nicht das Gefühl, jemand Neues zu werden.


Vielmehr hatte ich den Eindruck, mich langsam einer Person anzunähern, die lange Zeit hinter Angst, Unsicherheit, Unzufriedenheit und Selbstzweifeln verborgen war.


Vielleicht geht es bei Veränderung nicht immer darum, jemand anderes zu werden.


Vielleicht geht es manchmal darum, wiederzuentdecken, was bereits in uns angelegt ist.


Wer möchten wir sein?

Nicht alles können wir beeinflussen.


Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Wir können bestimmte Erfahrungen nicht rückgängig machen. Und wir können uns vermutlich auch nicht vollständig neu erfinden.


Doch wir können uns fragen:


  • Welche Werte sind mir wichtig?

  • Wie möchte ich mit anderen Menschen umgehen?

  • Welche Eigenschaften möchte ich stärken?

  • Welche Muster möchte ich besser verstehen?

  • Was fühlt sich wirklich nach mir an?


Diese Fragen haben oft keine schnellen Antworten. Vielleicht begleiten sie uns ein Leben lang – und verändern sich mit den Erfahrungen, die wir machen.


Eine kleine Einladung zur Reflexion

Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und über folgende Fragen nachdenken:


  • Welche Eigenschaften begleiten mich schon seit meiner Kindheit?

  • Welche Seiten von mir zeigen sich nur bei bestimmten Menschen?

  • Wann fühle ich mich besonders authentisch?

  • Welche Rolle spielen Ängste oder Erwartungen anderer in meinem Leben?

  • Welche Eigenschaften möchte ich weiterentwickeln?

  • Wer wäre ich, wenn ich weniger Angst vor Bewertungen hätte?


Zwischen Anlage und Veränderung

Vielleicht sind wir weder ein unbeschriebenes Blatt noch vollständig festgelegt. Vielleicht tragen wir bestimmte Veranlagungen in uns und werden gleichzeitig durch das Leben geformt.


Unsere Persönlichkeit entsteht nicht an einem einzigen Tag. Sie entwickelt sich über Jahre hinweg.


Und vielleicht besteht persönliches Wachstum nicht immer darin, jemand anderes zu werden. Manchmal besteht es darin, sich selbst ein Stück näherzukommen.

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