Mensch : KI – Bin ich noch gebraucht, wenn Technik mitdenkt?
- Corinna Fleiß

- 5. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag

Zwischen Algorithmen und Selbstzweifel
Neulich bin ich an einer Überschrift hängen geblieben, die sinngemäß fragte, wie lange es noch dauert, bis künstliche Intelligenz viele Berufe ersetzt. Ich habe sie gelesen, kurz innegehalten und gemerkt, dass in mir etwas leise reagiert hat. Kein Schreck, kein Drama – eher ein stiller Gedanke: Was macht das eigentlich mit uns, wenn wir solche Sätze immer öfter lesen?
Viele Menschen begegnen diesen Themen inzwischen täglich. In Nachrichten, in Gesprächen, in sozialen Medien, manchmal auch im eigenen Arbeitsalltag. Und oft entsteht dabei eine Frage, die selten laut gestellt wird: Bin ich noch wichtig, wenn Technik mitdenkt? Bin ich noch gebraucht, wenn vieles automatisiert werden kann?
Diese Fragen sind verständlich. Sie entstehen nicht aus Schwäche, sondern aus Aufmerksamkeit für das eigene Leben.
Wenn Unsicherheit Teil des Alltags wird
Wir leben in einer Welt, in der sehr viel gleichzeitig passiert. Technische Entwicklungen schreiten schnell voran, politische und gesellschaftliche Krisen begleiten viele Menschen seit Jahren, wirtschaftliche Sorgen, Klimathemen und weltweite Konflikte wirken im Hintergrund ständig mit. Dazu kommen Medien, die rund um die Uhr berichten, bewerten und zuspitzen.
Viele nehmen das als eine Form von Dauerbelastung wahr, auch wenn sie sie nicht immer bewusst benennen können. Es zeigt sich in innerer Unruhe, in Erschöpfung, in dem Gefühl, nicht mehr ganz mitzukommen oder ständig reagieren zu müssen. Gleichzeitig gibt es viel Halbwissen, widersprüchliche Informationen und wenig Raum, Dinge in Ruhe einzuordnen.
In diesem Klima entsteht leicht der Eindruck, man müsse permanent funktionieren, sich anpassen und Schritt halten, um nicht abgehängt zu werden.
Die leise Angst, ersetzbar zu sein
Besonders deutlich wird diese Unsicherheit in sozialen und Gesundheitsberufen. Menschen, die pflegen, begleiten, beraten und unterrichten, fragen sich zunehmend, wie sich ihre Arbeit verändern wird und ob sie langfristig noch gebraucht werden. Aber auch in etlichen anderen Bereichen taucht diese Frage auf.
Manche denken: Andere sind schneller. Die Technik ist effizienter. Vielleicht bin ich irgendwann überflüssig.
Das sind keine rein beruflichen Gedanken. Dahinter steht oft eine tiefere Frage nach dem eigenen Wert und nach dem Platz im Leben. Viele tragen diese Gedanken still mit sich, weil sie sich dafür schämen oder glauben, sie müssten stärker sein.
Dabei geht es hier um etwas sehr Menschliches: den Wunsch, sinnvoll zu sein und dazuzugehören.
Veränderung hat Menschen immer verunsichert
Wenn wir historisch zurückblicken, sehen wir, dass Angst vor Neuem kein neues Phänomen ist. Der Buchdruck, das Telefon, der Computer, das Internet oder digitale Zahlungssysteme wurden anfangs oft skeptisch betrachtet. Immer wieder gab es Befürchtungen, dass dadurch Fähigkeiten verloren gehen oder Arbeitsplätze verschwinden.
Meist folgte auf diese Phase der Unsicherheit eine langsame Anpassung. Neues wurde integriert, bewertet, weiterentwickelt und schließlich Teil des Alltags.
Das bedeutet nicht, dass heutige Sorgen unbegründet sind. Es zeigt aber, dass Verunsicherung ein natürlicher Begleiter von Veränderung ist und kein persönliches Versagen.
Zwischen Möglichkeiten und innerer Erschöpfung
Gleichzeitig erleben wir, dass psychische Belastungen zunehmen. Viele berichten von Erschöpfung, Angstzuständen, innerer Leere und dem Gefühl, sich selbst zu verlieren. Dabei leben wir in einer Zeit mit mehr Informationen, Hilfsangeboten und Möglichkeiten als je zuvor.
Dieser Widerspruch beschäftigt mich immer wieder.
Es gibt so viele Wege, sich weiterzubilden, sich zu vernetzen, Unterstützung zu finden – und dennoch fühlen sich viele überfordert. Ein Grund dafür liegt im permanenten Vergleich, im hohen Tempo und im Eindruck, ständig besser, schneller und flexibler sein zu müssen.
Viele Möglichkeiten bedeuten nicht automatisch innere Zufriedenheit. Oft entsteht sogar zusätzlicher Druck, wenn man glaubt, all diese Möglichkeiten nutzen zu müssen.
Dazu kommt, dass über mentale Gesundheit zwar gesprochen wird, Scham und Unsicherheit aber weiterhin präsent sind. Viele kämpfen im Stillen.
Wenn Unterstützung in Abhängigkeit kippt
Künstliche Intelligenz kann entlasten. Sie kann strukturieren, Ideen liefern, Zeit sparen und Abläufe vereinfachen. In vielen Bereichen ist das eine echte Hilfe.
Problematisch wird es dort, wo Menschen beginnen, sich selbst darin zu messen und innerlich abzuwerten. Wenn Gedanken entstehen wie: Die Technik macht das besser als ich. Ich bin nicht gut genug. Ich sollte das auch können.
Dann wird aus Unterstützung langsam Abhängigkeit. Ähnlich wie in anderen Lebensbereichen geht es nicht um das Werkzeug selbst, sondern um den Umgang damit.
Nicht alles, was effizient ist, ist automatisch gesund.
Was Menschen unersetzlich macht
So leistungsfähig Technik auch wird, bestimmte menschliche Fähigkeiten lassen sich nicht automatisieren. Dazu gehört:
Mitgefühl
Beziehung
Verantwortung
ethisches Abwägen
Präsenz
die Fähigkeit, andere in schwierigen Lebensphasen zu begleiten
Gerade in einer digitalisierten Welt werden diese Qualitäten wichtiger, nicht weniger. Technik kann unterstützen, aber sie kann keine Beziehung tragen und keinen Sinn ersetzen.
Der Mensch bleibt dort zentral, wo es um Leben, Leiden, Hoffnung und Würde geht. Denn wer kann besser darüber schreiben und erzählen als jemand, der all das selbst erlebt und fühlt?
Eine ruhige Form der Selbstorientierung
Vielleicht ist es hilfreicher, nicht ständig zu fragen, wie weit Technik noch gehen wird, sondern immer wieder bei sich selbst anzukommen.
Zum Beispiel mit Fragen wie:
Wobei unterstützt mich KI wirklich?
Wo verliere ich Kontakt zu meinem eigenen Denken?
Bleibe ich verantwortlich für meine Entscheidungen?
Dient mir das, was ich nutze, oder belastet es mich?
Nicht als Kontrolle, sondern als achtsame Wahrnehmung der eigenen inneren Welt.
Vielleicht geht es am Ende nicht darum, wie klug Maschinen werden, sondern wie aufmerksam wir Menschen bleiben, wenn wir entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen.
Weitere Teile
Dieser Artikel gehört zu einer dreiteiligen Reihe über Mensch und KI.
Wenn du dich weiter mit Selbstwert und Verantwortung im Umgang mit KI beschäftigen möchtest, findest du im nächsten Beitrag eine vertiefende Perspektive.
→ Zum nächsten Teil: Mensch : KI – Vergleiche und Selbstwert in der digitalen Welt
