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Unsichtbarer Schmerz: Warum er real ist und gesehen werden sollte

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • 1. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Abstrakte Illustration mit stilisierter menschlicher Silhouette aus Linien, vor hellem Hintergrund mit erdigen und türkisfarbenen Farbspritzern.


Wie Schmerz sichtbar wird – und warum unsichtbarer Schmerz genauso real ist

Manchmal kommt Schmerz leise. Er legt sich in uns, fast unbemerkt: ein Druck hinter der Brust, ein Ziehen im Nacken, ein Gedanke, der nicht loslässt.


Und manchmal trifft er uns mit voller Wucht – körperlich, spürbar, unübersehbar.


Schmerz hat viele Gesichter. Und doch ist er etwas, das wir alle kennen – jede Person auf ihre eigene Weise.


Ich habe lange versucht, Schmerz zu ignorieren. Mich abzulenken, zu erklären, zu relativieren.


Doch Schmerz will gesehen werden. Er will verstanden werden – nicht, um ihn zu überhöhen – sondern um zu begreifen, was er uns über uns selbst erzählt.


Sichtbarer und unsichtbarer Schmerz

Es gibt Schmerz, der sichtbar ist – ein gebrochener Arm, eine Wunde, eine körperliche Erkrankung.


Und es gibt Schmerz, den niemand sieht – Erschöpfung, Traurigkeit, das schwere Ausatmen.


Auch das kann Ausdruck von Schmerz sein: nicht immer an einer bestimmten Stelle spürbar, aber im ganzen Körper wahrnehmbar.


Wenn seelische Belastung körperlich spürbar wird, sprechen Fachleute von psychosomatischem Schmerz. Gemeint ist Schmerz, bei dem seelische Anspannung, Stress oder unverarbeitete Gefühle körperliche Reaktionen auslösen.


Forschung zeigt, dass dabei Nervensystem, Immunsystem und Hormone eng zusammenwirken – eine Verbindung, die verdeutlicht, wie fein unser Körper auf innere Zustände reagiert.


Beide Formen sind real.

Beide verdienen Aufmerksamkeit.


Denn Schmerz ist nicht nur ein Signal des Körpers – er ist eine Sprache.


Eine Sprache, die wir erst verstehen lernen, wenn wir bereit sind, ihr zuzuhören.


Unsichtbarer Schmerz – real und oft unterschätzt

Unsichtbarer Schmerz wird oft nicht ernst genommen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung.


Man sagt mir, ich sehe gut aus – also müsse es mir gutgehen. Von außen wirkt alles in Ordnung – und doch habe ich unter starken Schmerzen gelitten.


Ich musste weiter funktionieren, arbeiten, leisten – obwohl jeder Schritt, jede Bewegung schmerzhaft war.


Gerade psychosomatische Schmerzen – also körperliche Reaktionen auf seelische Belastung – werden häufig unterschätzt. Menschen, die davon betroffen sind, fühlen sich oft nicht verstanden.


Wenn ein Fuß gebrochen ist, wissen alle, dass Ruhe nötig ist. Wenn jedoch jemand chronische Nackenschmerzen oder andere unsichtbare Beschwerden hat, wird meist weiter Leistung erwartet – oft ohne Rücksicht auf das Ausmaß des Schmerzes.


Ich habe selbst erlebt, wie verletzend das sein kann.


Sätze wie:


„Reiß dich zusammen“ oder

„Du musst weitermachen“


treffen genau dort, wo es besonders wehtut: beim Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.


Auch im medizinischen Umfeld kann das passieren. Ich erinnere mich an eine Ärztin, die erzählte, sie habe drei Jobs und müsse alles bewältigen. Ich stand daneben und spürte, wie meine eigene Situation – ohne Job und mit enormer körperlicher Belastung – kaum verstanden wurde.


Was hier sichtbar wird: Unsichtbarer Schmerz ist keine Übertreibung, sondern eine reale Erfahrung. Viele Menschen erleben genau das – und sprechen dennoch selten darüber. Wenn du dich darin wiedererkennst, ist das kein Makel und kein persönliches Versagen, sondern ein Hinweis darauf, wie sensibel Körper und Psyche auf Belastung reagieren.


Das bedeutet nicht, dass Schmerz alles bestimmt.

Aber es bedeutet: Er darf ernst genommen werden.


Wir dürfen glauben, dass Erleichterung möglich ist. Annehmen und Akzeptieren – ohne Selbstverurteilung – sind dabei zentrale Schritte.


Gleichzeitig heißt ernst genommener Schmerz nicht, dass das Leben kleiner werden muss. Er kann schwer sein – und daneben kann sich wieder Raum öffnen, langsam, leise und oft unerwartet.


Zwischen Schmerz und Leben – ein Gleichgewicht finden

Im Laufe der Zeit habe ich begonnen, mein Erleben von Schmerz genauer zu beobachten – körperlich wie seelisch.


Dabei zeigen sich für mich unterschiedliche Aspekte:


  • Wahrnehmen dessen, was gerade da ist – ohne Einordnung oder Lösung

  • Akzeptanz als Haltung, nicht als bewusste Entscheidung – Schmerz als Teil des Moments, ohne ihn bewerten zu müssen

  • Phasen, in denen nichts gefordert ist – ein Zwischenraum, in dem kein Tun nötig ist

  • Bewegung, die auftaucht – nicht zielgerichtet, sondern spürbar

  • Leichtes, das neben dem Schmerz Platz hat

  • Erfahrungen, die kommen, gehen und wiederkehren – ohne klare Richtung


Diese Erfahrungen lassen sich nicht ordnen oder planen. Sie tauchen unterschiedlich auf, verschwinden wieder und kehren zurück – ohne klare Richtung.


Manches geschieht in kleinen Bewegungen.


Drei Gedanken, die mich begleiten:


  • Ich darf ernst nehmen, was ich spüre.

  • Ich muss nicht alles verstehen, um gut für mich zu sorgen.

  • Aufmerksamkeit verändert nicht den Schmerz – aber oft die Art, wie er erlebt wird.


Vielleicht klingen manche dieser Gedanken vertraut – oder sie können zu eigenen Worten werden, wenn Schmerz schwer auszuhalten ist.


Es gibt keine richtige Art, mit Schmerz umzugehen. Manche Tage verlangen Rückzug, andere Bewegung, wieder andere Stille. Entscheidend ist weniger die Handlung als vielmehr, ob man das eigene Erleben ernst nimmt.


Chronischer Schmerz – ein Wort, das mir lange Angst gemacht hat

Vielleicht kennst du dieses beklemmende Gefühl, wenn von chronischem Schmerz gesprochen wird. Ich konnte es lange nicht hören, weil ich mich sofort damit identifizierte und das Wort mit etwas Endgültigem verband.


Dabei bedeutet chronisch zunächst nur, dass Schmerz über längere Zeit besteht. Es beschreibt eine zeitliche Dimension – nicht Bedeutung, nicht Verlauf.


Für mich war diese Einordnung wichtig, um das Wort nicht länger als endgültiges Urteil über mein Erleben zu hören.



Manchmal beginnt Verstehen nicht mit Antworten, sondern mit dem Wahrnehmen dessen, was da ist.



Literatur


Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken

Deutsche Schmerzgesellschaft: Schmerz und Psyche


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