top of page

Mein Kind zieht sich zurück – wenn Eltern ihr eigenes Kind nicht mehr erreichen

  • Autorenbild: Corinna Fleiß
    Corinna Fleiß
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 16 Stunden

Zwei stilisierte Figuren an offener Tür über erdigem Wurzelmotiv, mit Kreisen und zarten Pflanzen auf hellem Hintergrund.


Das stille Entfernen

Wenn Kinder oder Jugendliche beginnen, sich zurückzuziehen, geschieht das oft nicht von heute auf morgen. Viele Eltern beschreiben vielmehr einen schleichenden Prozess. Gespräche werden seltener, Antworten kürzer und gemeinsame Momente verlieren an Selbstverständlichkeit. Das Kind ist zwar körperlich anwesend, scheint aber gleichzeitig immer weiter wegzurücken.


Für Eltern ist das häufig schwer einzuordnen. Sie spüren, dass sich etwas verändert hat, können aber oft nicht benennen, was genau es ist. Gerade diese Ungewissheit macht die Situation so belastend.


Vielleicht kennen viele Mütter, Väter oder andere Bezugspersonen dieses Gefühl. Man merkt, dass das eigene Kind kämpft, leidet oder sich verändert, findet aber keinen Zugang mehr zu seinen Gedanken und Gefühlen. Aus dieser Erfahrung entsteht häufig eine tiefe Hilflosigkeit.


Wenn Sorgen größer werden

Besonders schwierig wird es, wenn Eltern den Eindruck gewinnen, dass hinter dem Rückzug mehr steckt als die normale Ablösung während der Jugend. Manche Kinder entwickeln Ängste, kämpfen mit Depressionen, geraten in problematische Freundeskreise oder suchen in Alkohol, Drogen, exzessivem Medienkonsum oder anderen Verhaltensweisen nach einem Ausweg aus ihrem inneren Druck. Andere entwickeln Essstörungen oder ziehen sich so stark zurück, dass selbst einfache Gespräche kaum noch möglich sind.


Für Eltern bedeutet das oft, mit widersprüchlichen Gefühlen gleichzeitig umgehen zu müssen. Da sind Sorge und Angst, aber auch Unsicherheit, Ratlosigkeit und manchmal sogar Wut. Viele fragen sich, ob sie etwas übersehen haben oder ob sie früher hätten eingreifen müssen. Fast zwangsläufig taucht irgendwann die Frage auf, die wohl zu den schmerzhaftesten überhaupt gehört: Habe ich etwas falsch gemacht?


Die Schuldfrage

Die Suche nach Schuld ist verständlich. Wenn ein Mensch leidet, den wir lieben, suchen wir nach Erklärungen. Eltern denken an Entscheidungen zurück, hinterfragen Gespräche, erinnern sich an Konflikte oder Situationen, die sie heute vielleicht anders lösen würden. Gleichzeitig greift die Schuldfrage oft zu kurz.


Natürlich können familiäre Erfahrungen eine Rolle spielen. Es wäre unehrlich zu behaupten, dass Eltern niemals Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder haben. Manche Kinder wachsen mit wenig emotionaler Nähe auf, erleben Konflikte oder fühlen sich nicht verstanden. Solche Erfahrungen können Spuren hinterlassen.


Genauso wahr ist jedoch, dass sich menschliche Entwicklungen selten auf eine einzige Ursache zurückführen lassen. Persönliche Veranlagungen, psychische Belastungen, Erfahrungen außerhalb der Familie, Freundschaften, gesellschaftlicher Druck oder Lebensereignisse spielen ebenfalls eine Rolle. Die Wirklichkeit ist meist komplexer als die Vorstellung, dass eine einzelne Person oder eine einzelne Entscheidung für alles verantwortlich sein könnte.


Mein eigener Blick zurück

Vielleicht berührt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich selbst über viele Jahre emotional nicht erreichbar war. Heute blicke ich anders auf diese Zeit zurück als damals. Ich erkenne vieles, was ich als junge Frau nicht sehen konnte. Ich verstehe, dass mein Rückzug für Menschen, die mir nahestanden, belastend gewesen sein muss. Ich verstehe die Ratlosigkeit und vielleicht auch die Sorgen, die mein Verhalten ausgelöst hat.


Damals hätte ich das wahrscheinlich nicht so formulieren können. Nicht weil es mir egal gewesen wäre, sondern weil ich selbst mit Dingen beschäftigt war, die ich weder verstanden noch in Worte fassen konnte. Erst mit zeitlichem Abstand wurde mir bewusst, wie unterschiedlich dieselbe Situation von verschiedenen Menschen erlebt werden kann.


Bis heute fragen sich meine Eltern manchmal, ob sie etwas hätten anders machen können, um mir bestimmte Erfahrungen oder Leidenswege zu ersparen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich niemandem die Schuld gebe. Nicht ihr, nicht meinem Vater und auch nicht mir selbst. Manche Dinge lassen sich erst im Rückblick verstehen. Manche Wege wären vielleicht anders verlaufen, vielleicht aber auch nicht.


Warum Verständnis so wichtig ist

Gerade deshalb erscheint mir Verständnis oft hilfreicher als Schuldzuweisungen. Verständnis bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder jedes Verhalten zu entschuldigen. Es bedeutet vielmehr, zu versuchen, die Hintergründe zu erkennen.


Viele Kinder und Jugendliche wissen selbst nicht genau, warum sie sich verändern, warum sie leiden oder warum sie andere Menschen auf Distanz halten. Hinter dem, was von außen wie Ablehnung wirkt, steckt manchmal Scham, Angst, Überforderung oder das Gefühl, mit den eigenen Problemen alleine zu sein.


Selbst engagierte und fürsorgliche Eltern können diese Prozesse nicht immer verhindern. Sie können auch nicht jede Krise lösen. Was sie jedoch oft tun können, ist präsent zu bleiben. Zuhören, Interesse zeigen, Gesprächsangebote machen und Hilfe von außen annehmen, wenn die Situation zu groß wird, um sie alleine zu tragen.



Zwei gesichtslose Figuren sitzen vor einer offenen Tür; darunter abstrakte Wurzeln, Kreise und zarte Pflanzen in Beige und Grau.


Was helfen kann

Es gibt keine Garantie dafür, dass ein bestimmtes Gespräch, eine Entscheidung oder eine Maßnahme alles verändert. Dennoch gibt es einige Dinge, die viele Betroffene als hilfreich beschreiben.


Dazu gehören:


  • Geduld

  • ehrliches Interesse

  • eine möglichst wertfreie Kommunikation und

  • die Bereitschaft, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen


Ebenso wichtig ist es, die eigene Belastung nicht zu ignorieren. Eltern müssen nicht alles alleine tragen und dürfen sich selbst Hilfe suchen.


Manchmal bedeutet Unterstützung auch, auszuhalten, dass nicht sofort eine Lösung sichtbar ist. Gerade in Krisenzeiten wünschen wir uns oft schnelle Antworten. Doch persönliche Entwicklungen brauchen Zeit, und nicht jede Veränderung lässt sich beschleunigen.


Eine Begegnung, die geblieben ist

Vor einiger Zeit traf ich eine Jugendfreundin wieder, die viele Jahre drogenabhängig war. Wir sprachen über ihren Weg, über Rückfälle, Verluste und die Schwierigkeiten, die sie damals begleitet hatten. Heute ist sie selbst Mutter.


Im Laufe unseres Gesprächs sagte sie einen Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist:


„Heute verstehe ich, dass man sich für ein Kind nur das Beste wünschen kann und trotzdem nicht alles in der Hand hat.“


Vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis. Die Menschen, die uns großziehen, begleiten uns ein Stück unseres Weges. Sie prägen, unterstützen, schützen und machen dabei ihre eigenen Erfahrungen. Doch kein Mensch kann das Leben eines anderen vollständig bestimmen.


Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Sie treffen eigene Entscheidungen, machen eigene Erfahrungen und gehen ihren eigenen Weg. Manches gelingt, manches schmerzt. Und nicht alles, was uns im Leben widerfährt, lässt sich auf die Menschen zurückführen, die uns großgezogen haben.


Am Ende bleibt die Verbindung

Vielleicht geht es deshalb weniger darum, immer die richtigen Antworten zu haben. Vielleicht geht es vielmehr darum, die Verbindung nicht aufzugeben, auch wenn sie zeitweise brüchig wird.


Für viele Kinder und Jugendliche kann die Erfahrung, dass wichtige Menschen trotz aller Schwierigkeiten an ihrer Seite bleiben, von großer Bedeutung sein.


Nicht jede Krise endet schnell. Nicht jede Geschichte verläuft geradlinig. Doch manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo Menschen aufhören, nach Schuldigen zu suchen, und stattdessen versuchen, einander mit mehr Verständnis, Geduld und Menschlichkeit zu begegnen.

bottom of page